Eine Art kleine Hass-Liebe


Ja, ich möchte behaupten, dass mit der Hebammerei und mir ist eine Art kleine Hass-Liebe.

Das Hebammenklischee

Ich liebe meinen Beruf. Aber was ich gar nicht mag, ist das verbreitete Hebammenklischee und unsere gesellschaftliche Stellung. Nicht selten werde ich skeptisch angeguckt und gefragt, ob ich tatsächlich Hebamme sei. Das liegt aber nicht daran, dass ich mit Mitte Zwanzig für viele noch als sehr jung gelte oder selbst noch keine Kinder habe, sondern viel eher daran, dass ich nicht in Haremshose und Jutebeutel auf meinem Drahtesel daher komme und meine Babywaage auch nicht aus einem recyclingbarem Stück Stoff besteht.

Schon damals zu Ausbildungszeiten wurde ich belächelt für meine Modebegeisterung und meiner absoluten Nagellacksucht, was bis heute teilweise auch noch anhält. Zum Teil gingen gewisse Bemerkungen allerdings definitiv über meine Schmerzgrenze hinweg und so begann ich mich zu fragen, ob ich nur eine gute Hebamme sein könnte, wenn ich mich dem Klischee anpasse und dadurch der Gesellschaft gerecht werde?!

Und somit war der Tag gekommen, an dem ich meine ersten Birkenstock Schlappen kaufte.

Mein eigener Weg

Ich liebe sie und besitze inzwischen vier Paar, dennoch bin ich heute froh, dass ich gedanklich noch einmal die Kurve bekommen habe und meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich denke, dass jede Hebamme auf ihre Art und Weise gut ist, so wie sie ist. Ja, definitiv sogar.

Jedoch ist mir im Laufe der Jahre in meiner Arbeit als freiberufliche Hebamme bewusst geworden, dass nicht nur die Frau die passende Hebamme finden muss, sondern auch ich als Hebamme muss meine passenden Frauen finden.

Ich betone immer extrem, dass wir Hebammen nur eine rein beratende Funktion haben und so kann ich ausschließlich Empfehlungen aussprechen, während die Eltern und Mamas für sich selbst am Ende die Entscheidungen treffen müssen. Dennoch musste ich mir nach einiger Zeit eingestehen, dass ich Frauen besser und intensiver betreuen kann, wenn unsere Ansichten und Meinungen zumindest in die selbe Richtung gehen.

Wenn Frau XY sich dafür entschieden hat Stoffwindeln zu nutzen und mir bei einem Hausbesuch fünf mal erzählt wie anstrengend es ist, diese alle wieder zu reinigen und das die Waschmaschine seitdem öfter läuft als sonst – ja, dann fällt es mir als „nicht Stoffwindel Befürworterin“ tatsächlich schwer die Frau zu motivieren und ihr positiv zu zureden über die vielen Waschmaschinen hinweg zu sehen und aus Liebe zu ihrem Kind weiterhin auf industrielle Windeln zu verzichten.

Glücklicherweise merkt man aber meist bereits beim ersten Kennenlerngespräch ob die Chemie stimmt oder eben nicht.

Herzensangelegenheiten

Und somit kann ich heute sagen, dass ich inzwischen ausschließlich Frauen und Familien betreue, die mir oft persönlich am Herzen liegen, in deren Geschichte ich mich sofort hineinversetzen kann und mit denen ich voll und ganz mitfühle. Doch auch wenn ich alle meine Frauen per Du anspreche, da diese Zeit einfach extrem intim und persönlich ist, wahre ich immer eine gewisse Distanz.

So wird man es bei mir niemals erleben, dass ich das Neugeborene ausziehe oder gar bade. Das Neugeborene ist nicht mein Neugeborenes und so sollte es doch Aufgabe der Eltern sein, es an- und auszukleiden oder das erste Bad durchzuführen.

Ich habe es oft erlebt, dass dies von mir als Hebamme erwartet wird, aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen und meine Wochenbettbesuche als Hebamme kommen zum Ende. Dann werden auch “nur” noch Mama und Papa da sein und sich um das Kind kümmern.

Ich bin kein Kindermädchen und auch keine beste Freundin. Im Privatleben vielleicht, ja. Aber beruflich bin ich Hebamme. Und als diese gibt es Tage, da wünsche ich mir von manchen frisch gebackenen Eltern mehr Selbstvertrauen. Ihr könnt das. Und ihr schafft das.

Denn es haben schon ganz viele andere es auch geschafft. Die einen besser. Die anderen vielleicht schlechter. Aber jedes Kind ist bis heute auf seine Art und Weise groß geworden. Und am Ende ist doch das Wichtigste was zählt die Liebe. Die Liebe zum Baby.

Aber von meiner Seite aus vor allem die Liebe zu diesem Beruf. Der für mich eher ein bezahltes Hobby ist.

Alles Liebe,

rosarot.babyblau

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