Babyartikel.de Magazin

Ein Kleinkind abstillen: Ist das wirklich schwieriger?

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (2014) werden nur 9 Prozent der Kinder in Deutschland länger als 12 Monate gestillt und nur ein Prozent über das zweite Lebensjahr hinaus. Ein Kleinkind abstillen ist also etwas Ungewöhnliches und stellt manche Mütter vor unerwartete Schwierigkeiten. Denn nicht nur fehlen Vorbilder und der soziale Rückhalt für das späte Abstillen eines Kindes, auch das Kind selbst leistet manchmal mehr Widerstand als im Babyalter.

Warum sich eine lange Stillbeziehung trotzdem lohnt und wie auch das Abstillen eines Kleinkindes möglichst konfliktfrei zu bewältigen ist, erklärt Dir unsere Autorin und Mama-Bloggerin Hanna in diesem Artikel.

Warum scheint das Abstillen eines Kleinkindes schwieriger?

Kleinkinder sind vehementer

Die meisten Kinder werden im Babyalter abgestillt, durchschnittlich mit 7,5 Monaten. In diesem Alter können sich Babys noch nicht verbal ausdrücken – sie kommunizieren unter anderem durch Quengeln oder Weinen. Weil Babys auch aus vielen anderen Gründen weinen und sich durch Fläschchen, Schnuller, Tragen und Kuscheln schließlich beruhigen lassen, fällt das Abstillen meist relativ leicht.

Bei einem Kleinkind dagegen, das Dich mit Kulleraugen ansieht und nach „Namnam“ oder „Mumu“ fleht oder gar „Bitte, Mama!“ sagen kann, erscheint das schon schwieriger. Kleinkinder wissen viel genauer, was sie wollen und lassen sich nicht mehr so einfach ablenken. Und selbst wenn Ablenkung funktioniert, erinnern sie sich später wieder daran. Du kannst nicht darauf setzen, dass sie das Stillen nach ein paar Tagen einfach vergessen. Außerdem ist Stillen gerade für Kleinkinder, die schon wie die Großen essen, viel mehr als Nahrungsaufnahme: Sie verbinden damit vor allem die Nähe zur Mutter, Trost und Beruhigung und oft auch das Einschlafen. Die Brust einfach durch ein Fläschchen zu ersetzen, funktioniert also normalerweise nicht.

Ein Kleinkind abstillen erfordert also mehr Konsequenz und Willensstärke von Deiner Seite.

Fehlende Vorbilder und Unterstützung

Wer ein Baby abstillt, der kann auf viel Erfahrung und Rückhalt von Müttern in einer ähnlichen Situation bauen. Wenn Du Dein Kind aber länger als 12 Monate stillst, verspürst Du möglicherweise Druck von außen. Das „Langzeitstillen“ ist gesellschaftlich nicht konform, da die meisten Mütter ihre Babys schon vor oder kurz nach dem ersten Geburtstag abstillen. So kannst Du vielleicht mit den Freundinnen nicht richtig darüber sprechen – weil sie die Erfahrung nicht haben, aber auch aus Angst vor Unverständnis.

Zum Glück gibt es online mittlerweile viele Erfahrungsberichte von Müttern zu lesen, die ihre Kinder erst später abgestillt haben oder noch immer stillen. Manche von ihnen hatten Probleme, für viele ging es aber viel besser, als erwartet. Kaum eine Mutter bereut, ihr Kind so lange gestillt zu haben.

Wenn Du konkrete Hilfe beim Abstillen Deines Kleinkindes benötigst, kann Dir eine Stillberaterin helfen, die sich auf das Abstillen von Kleinkindern spezialisiert hat. Wie auch beim Stillen eines Babys gilt hier: Hebammen sind nicht immer Experten auf diesem Gebiet. Wenn der Tipp Deiner Hebamme nicht Deinem Bauchgefühl entspricht, lohnt vielleicht der Anruf einer Expertin auf dem Gebiet Kleinkind abstillen.

Wann ist der beste Zeitpunkt zum Abstillen?

Wenn Du Dein Kind schon länger als ein Jahr stillst, dann weißt Du wahrscheinlich auch, dass das Langzeitstillen viele gesundheitliche und psychische Vorteile für Mutter und Kind mit sich bringt. Vielleicht fühlt es sich für Dich aber auch einfach nur intuitiv richtig an und Du genießt die Nähe und Vertrautheit mit Deinem Kind.

Oft haben ausgerechnet Mütter, die länger als die durchschnittliche Stillzeit in Deutschland stillen, sogar noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie abstillen möchten. Das liegt vermutlich daran, dass diese Mütter sich intensiv mit dem Thema Stillen beschäftigt haben und zu gut um die gängigen Empfehlungen zur Mindest-Stilldauer (die WHO empfiehlt z.B., Kinder mindestens 24 Monate zu stillen) wissen. Und natürlich auch, weil sie sich so an das Stillen in ihrem Alltag gewöhnt haben und wissen, wie sehr ihr Kind es genießt.

Wer aber nicht darauf warten möchte oder kann, dass ein Kind von selbst aufhört, zu stillen – und dieser Zeitpunkt für das biologische Abstillalter liegt in der Regel zwischen 2 und 7 Jahren – für den gibt es den „richtigen“ Zeitpunkt wahrscheinlich nicht. Viele stillen so lange weiter, bis der Punkt erreicht ist, an dem es für die Mutter nicht mehr geht, meist aus psychischen Gründen — oder weil das Kind nachts ständig an die Brust will und den Schlaf stark beeinträchtigt. Dabei gibt es weder DEN richtigen Zeitpunkt, noch DEN richtigen Weg. Jede Mutter gibt ihr Bestes für ihr Kind und wenn sie nicht mehr kann oder will, dann sollte sie das auch tun können – ohne schlechtes Gewissen. Wichtig ist, dass Du als Mutter wirklich dahinter stehst, dann kann auch das Kleinkind die neue Situation akzeptieren.

Wie soll ich am besten Abstillen?

Für das konkrete Vorgehen gibt es verschiedene Möglichkeiten und Empfehlungen. Das eine Extrem ist das abrupte Abstillen von einem Moment zum nächsten. Das heißt, es findet ein „letztes Mal“ Stillen statt und danach gibt es partout keine Muttermilch mehr. Um einen Milchstau bzw. eine Brustentzündung zu verhindern, kannst Du Abstill-Tee oder ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Vielen Eltern scheint diese Methode aber zu harsch und sie möchten lieber ein bedürfnisorientiertes Programm für sanftes Abstillen anwenden. Ein sehr bekanntes solches Programm hat der amerikanische Kinderarzt und Attachment Parenting-Befürworter Dr. Jay Gordon entwickelt. Dieses Programm ermöglicht zunächst das nächtliche Abstillen.

Kleinkind nachts abstillen: Programm nach Dr. Gordon

Ein Kind, das nachts keine Milch mehr bekommen soll, muss mindestens 12 Monate alt und gesund sein. Du als Mutter solltest Dir absolut sicher sein, dass Du diesen Weg gehen möchtest.

Lege sieben Stunden in der Nacht fest, in denen Du nicht stillen, d.h. nach Möglichkeit durchschlafen möchtest.

Es soll ca. 10 Nächte dauern, bis die Veränderungen wirken. In dieser Zeit lernt das Kind Schritt für Schritt, dass es auch ohne Hilfe der Mutter nachts wieder zurück in den Schlaf finden kann, ohne dass das Auswirkungen auf den Rest der Zeit hätte. Das bedeutet, dass außerhalb dieser sieben nächtlichen Stunden auch weiterhin gestillt, gekuschelt und getröstet wird. Das ist wichtig, damit Dein Kind versteht: Die Milch ist zwar nachts im Bett nicht verfügbar, aber Mama und Papa sind trotzdem immer für mich da. Innerhalb dieser festgelegten sieben Stunden (z.B. 23-6 Uhr) aber nach und nach nicht mehr.

Dieses bedürfnisorientierte Programm zum nächtlichen Abstillen kann, je nach Temperament des Kindes, sehr anstrengend sein. Dafür fühlt es sie für viele Eltern, die bisher sehr auf die Bedürfnisse ihres Babys eingegangen sind, einfach richtig an, dies auch auf dem Weg zum Abstillen zu tun.

Wenn dieser Schritt geklappt hat, kannst Du nach einiger Zeit denselben Prozess auch für tagsüber durchführen und so das Stillen nach und nach reduzieren und schließlich ganz beenden.

10 Tipps zum Abstillen eines Kleinkindes
  1. Natürlich abstillen wäre die vermutlich angenehmste Version für alle. Viele Kinder verlieren mit etwa 2-3 Jahren das Interesse am Stillen. Wenn Du so lange warten kannst, tu es.
  2. Sei Dir selbst absolut sicher, sodass es kein Hin- und Her gibt, das es Deinem Kind schwieriger macht, die neue Situation zu akzeptieren. Wenn Du Dir nicht ganz sicher bist, warte noch.
  3. Sprich mit Deinem Kind, auch wenn es Dir noch nicht richtig antworten kann. Kleinkinder verstehen viel mehr, als wir denken. Binde das Kind jedoch nicht in den Denkprozess ein, sondern präsentiere nur das konkrete Vorgehen. So weiß es, was sich demnächst verändern wird. Mit einem größeren Kind kannst du einen konkreten Zeitpunkt, z.B. einen Geburtstag, als Still-Ende vereinbaren.
  4. Sprich auch dann mit Deinem Kind, wenn Du das Stillen vorerst nur reduzieren möchtest. Wenn Du z.B. nachts abstillen möchtest oder nur noch einmal am Tag, dann verbalisiere das auch jedes Mal, wenn Dein Kind nach der Brust fragt. Sei dabei verlässlich in Deinen Ankündigungen.
  5. Manchen Kindern hilft es, wenn jemand anderes als die Mutter sie in ihrer Wut oder Traurigkeit über den Entzug der Brust begleitet. Für andere ist der zusätzliche „Verlust“ der Mutter noch schwieriger. Probiere aus, welcher Weg für Euch funktioniert.
  6. Versuche, ob Deinem Kind in der Übergangszeit ein Schnuller oder ein Fläschchen mit Wasser / Ersatzmilch weiterhilft – auch, wenn es bisher vielleicht keinen Schnuller genommen hat.
  7. Vermeide vertraute Still-Orte oder Still-Positionen, z.B. den vertrauten Platz im Sessel oder das Halten Deines Kindes in der Wiegeposition.
  8. Vermeide, dass Dein Kind versucht, sich „selbst zu bedienen“, d.h. keine stillfreundlichen Oberteile oder Nachthemden, keine nackten Brüste in Reichweite des Kindes.
  9. Lass Dein Kind mit seinem Unmut über das Abstillen nicht allein – so wird auch eure Bindung keinen Schaden nehmen. Gib ihm Trost und danach etwas Ablenkung.
  10. Wenn sich das Abstillen für Dich falsch anfühlt, bestehe nicht darauf aus falscher Konsequenz. Dein Kind wird keinen Schaden nehmen, wenn Du doch noch einen Rückzieher machst.

Meine Erfahrung beim Kleinkind abstillen

Ich selbst habe unseren Sohn (mittlerweile 2,5 Jahre alt) 22 Monate gestillt.

Nachts abstillen: Viel Protest

Als mein Sohn etwa 14 Monate alt war, wollte ich ihn nachts nicht mehr stillen. Ich stillte ihn weiterhin zum Einschlafen und nach 4 Uhr morgens. Dazwischen erklärte ich ihm jedes Mal, dass es nachts keine Milch mehr gäbe. Als Ersatz bot ich ihm ein Fläschchen mit kaltem Wasser an. In der ersten Nacht nahm er das erstaunlich schnell an, obwohl er bisher nie aus der Flasche getrunken hatte. Nach ein paar Nächten wollte er die Wasserflasche nicht mehr.

In den ersten beiden Nächte gab es viel Protest und es war für mich sehr schwierig, bei meiner Entscheidung zu bleiben. Doch ich brauchte den Schlaf. In der dritten Nacht schien er die Situation bereits akzeptiert zu haben. Er wachte zwar weiterhin etwa alle zwei Stunden auf, konnte jedoch ohne Stillen wieder einschlafen.

Tagsüber abstillen: Fast ohne Widerstand

Nach 22 Monaten stillte ich ihn ganz ab. Nicht, weil ich es für falsch hielt, ihn noch länger zu stillen, sondern weil die Stillbeziehung für mich und meinen Partner zur Belastung geworden war, und damit indirekt auch für meinen Sohn. Auch nach vielen Versuchen, das Stillen zu reduzieren, wollte er teilweise alle 30 Minuten an meine Brust – und das mit einer enormen Vehemenz. Sobald ich in der Nähe war, durfte sein Papa absolut gar nichts tun, ihn am besten nicht einmal ansehen. In Stresssituationen wurde sein Verhalten noch ausgeprägter.

Also beschloss ich schweren Herzens, ihn abzustillen. Ohne irgendein Vorgehen zu planen, erklärte ich ihm eines Morgens aus dem Bauch heraus, dass ich das nun nicht mehr möchte, ihn stillen. Er quengelte kurz und beschäftigte sich dann mit etwas anderem. Ich hatte, ehrlich gesagt, mehr Widerstand erwartet. In den folgenden Wochen und Monaten fragte er noch unzählige Male nach seiner „Mu“, jedoch gab es nicht ein einziges Mal ein wirkliches Problem, wenn ich wieder und wieder sagte, dass ich das nicht mehr möchte.

Selbst heute, mit fast 3 Jahren, weiß er noch ganz genau, wie das war. Wenn ich ihn lasse, würde er sofort wieder versuchen, daran zu saugen. Nach einem kurzen Versuch stellt er dann fest, dass da „alle alle“ ist. Anfangs ließ ich ihn das auch noch versuchen, so oft er wollte. Ich hatte das Gefühl, dass es das einfacher für ihn macht. Wenn es nicht verboten ist, sondern einfach nichts mehr kommt. Seit einigen Monaten aber sage ich ihm auch da, dass ich das nicht möchte.

Ich bin froh und stolz darüber, wie lang und innig unsere Stillbeziehung war. Ich denke, dass ich ihm damit viel von der emotionalen Sicherheit und dem Grundvertrauen geschenkt habe, die er heute an den Tag legt.

Wie lange hast Du Dein Kind gestillt? Und wann hast Du abgestillt? Wir freuen uns über Deinen Kommentar!

Ein Kleinkind abstillen ist etwas Ungewöhnliches und stellt manche Mütter vor unerwartete Schwierigkeiten. Denn nicht nur fehlen Vorbilder und der soziale Rückhalt für das späte Abstillen eines Kindes, auch das Kind selbst leistet manchmal mehr Widerstand als im Babyalter. Warum sich eine lange Stillbeziehung trotzdem lohnt und wie auch das Abstillen eines Kleinkindes möglichst konfliktfrei zu bewältigen ist, liest Du hier #stillen #abstillen #kleinkind

Bildnachweis: @tverdohlib – Fotolia.com.

Das könnte Dir gefallen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2018 Babyartikel.de MagazinImpressum

Nach oben ↑