SSW-Update: Nicht mehr als fünf Kilogramm heben (8. SSW)


10. April 2014

Es ist 20 Uhr. unserem Mädchen geht es seit einigen Tagen nicht gut. Ihre Augen sind vereitert, die Nebenhöhlen zu. Sie schläft nun mit dem Kopf auf meiner Schulter, während ihre Händchen meine Haare fest im Griff halten. Wenn sie krank ist, darf ich nicht von ihrer Stelle weichen. Sie spürt sofort, wenn ich mich rausschleichen will und schlägt Alarm. Da ich selbst erschöpft und hundemüde bin, bleibe ich einfach liegen – genieße ich die Nähe und Wärme, statt mich aus dem warmen Bett zu pellen, mich an den Rechner zu setzen und zu arbeiten. Ich höre ihr regelmäßigen Atem und spüre wie meine Glieder schwer werden. „Die Arbeit kann warten“, denke ich noch, bevor ich selbst vom Schlaf übermannt werde.

Plötzlich schreit unser Mädchen auf und weint jämmerlich. Ich bin noch ganz benebelt. Was ist los? Ein schlechter Traum? Ich versuche sie zu beruhigen – erfolglos. „Hast Du Schmerzen?“ „Nein“, erwidert sie. Ich biete ihr die Brust an, sie möchte nicht trinken. Sehr ungewöhnlich, weil sie sich nachts am besten beim Stillen beruhigt und so auch wieder schnell einschläft. Sie weint laut und intensiv. Was soll ich nur machen? Ich nehme sie in den Arm und stehe auf. Trage sie durch das Wohnzimmer, so wie ich es gemacht habe, als sie noch ein kleines Baby war. Sie beruhigt sich etwas, aber schluchzt immer noch. Drückt ihren Kopf fest an meine Schulter. Was hat sie nur? Sie schläft unruhig seitdem ich weiß, dass ich schwanger bin (seit ungefähr drei Wochen). Ein Zufall? Vielleicht nicht. Sie hat ein feines Gespür für zwischenmenschliche Schwingungen bzw. Veränderungen und reagiert stark darauf.

Mit der erneuten Schwangerschaft änderte sich Thomas und meine Gefühlslage enorm. Außerdem erwähnt unser Mädchen das Baby in meinem Bauch regelmäßig, seitdem ich mit ihr darüber gesprochen habe. Meist ganz beiläufig und nebenbei, aber immer wieder. Bewegt die Schwangerschaft sie so sehr, dass sie nicht mehr schlafen kann? Sie weint erneut auf und reißt mich aus meinen Grübeleien. Nein, sie ist nicht bestürzt wegen des neuen Babys. Sie fasst sich immer wieder ans Ohr und jammert: „Aua!“. Oh Nein! Keine Mittelohrentzündung, bitte! Doch sie bestätigt meine Befürchtung: „Mami, mein Ohr tut weh!“. Mist! Ich ziehe uns in Windeseile an, packe sie in unseren Bondolino und laufe zur Kindernotfallambulanz des Krankenhauses (circa sechs Gehminuten von uns entfernt).

Während ich ihr Gewicht deutlich spüre und der Gurt der Tragehilfe meinen Bauch einengt, fällt mir ein, dass Schwangere doch nicht mehr als fünf Kilogramm heben sollen. Nun, das steht zumindest im Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter. Der Alltag mit größeren Geschwisterkindern erfordert jedoch andere Maßstäbe. Das Tragen der 14 Kg unseres Mädchens fühlt sich nicht bequem an, aber soll ich mein krankes Kind laufen lassen? Dieses kleine Häufchen Elend, dass sich nur noch in mich eingraben möchte, in einen Buggy stecken? Nein, das kann ich nicht. Das muss ich auch nicht. Ich glaube, dass der weibliche Körper enorme Leistungen erbringen kann und uns eindeutige Signale sendet, wenn es doch zu viel wird. Mein Körper ist stark genug, um unser Mädchen ein paar Minuten in einer Tragehilfe in die Klinik zu tragen. Er ist auch stark genug sie ein paar Minuten ohne Tragehilfe zu halten, wenn sie (auch im gesunden Zustand) auf meinen Arm möchte, weil sie sich verletzt hat oder traurig ist oder einfach nur kuscheln möchte. Ich bin es gewöhnt sie täglich für kurze Sequenzen auf dem Arm zu haben und bin sicher, dass mein Körper das auch weiterhin verkraftet. Abgesehen davon, hängen sich Kinder geschmeidiger an den Körper wodurch die Last anders verteilt wird – sie fühlen sich wesentlich leichter an als ein Wasserkasten.

Auf dem Weg zur Klinik rufe ich Thomas an. Er ist selbstständig und arbeitet meist abends. Er kommt sofort und lenkt unser Mädchen die Stunde im übervollen Wartezimmer mit Büchern und Witzen ab. Nach der ärztlichen Untersuchung (es ist in der Tat eine Mittelohrentzündung) trägt er sie im Bondolino nach Hause. Mittlerweile ist es 22 Uhr und unser Mädchen ist platt wie eine Flunder. Sie schläft fast auf Thomas ein, unser armes Mädchen. Zu Hause versorge ich sie schnell mit Medikamenten und kuschle mich mit ihr in unser Familienbett, wo wir beide sofort in tiefen, erholsamen Schlaf fallen.

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