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Wutanfall beim Kleinkind: So reagierst Du richtig


Früher oder später machen alle Eltern damit Erfahrung: Die kindliche Wut. Das eben noch zufriedene Kind liegt plötzlich schrill brüllend auf dem Boden und wirft sich kopflos hin und her. Und wir Eltern stehen manches Mal hilflos daneben. Wir durften mit unserem bald 3-jährigen schon so manchen Wutanfall mitmachen. Wie Du auf einen Wutanfall beim Kleinkind “richtig” reagieren kannst und woher diese ungemeine Wut eigentlich kommt, ist im Grunde gar nicht so schwer zu verstehen.

Was Du tun kannst, wenn Dein Kind einen Wutanfall hast, erkläre ich Dir hier.

Warum haben Kinder Wutanfälle?

Streben nach Autonomie

Viele Kinder lernen ihre Wut zum ersten Mal kurz nach dem ersten Geburtstag kennen, also in den ersten Tagen als Kleinkind — manche sogar schon im Babyalter. Doch warum werden die Kleinen eigentlich so wütend? Sie bekommen doch so viel Zuwendung, Spielzeug und liebevolle Betreuung?

Tatsächlich hängen Wutanfälle mit der kindlichen Wahrnehmung der Welt und der eigenen Fähigkeiten zusammen. Kinder bewerten alles, was um sie herum geschieht, als ganz anders als wir Erwachsenen das tun. Am Anfang ihres Lebens sind Babys noch vollständig auf ihre Bezugspersonen angewiesen und haben auch wenig Bestreben, daran etwas zu ändern. Im Laufe der Monate aber entwickeln sie zunehmend kognitive Fähigkeiten und wollen immer selbständiger werden. Der Weg zur Selbstständigkeit oft schwierig und führt häufig zu Konflikten mit den Bedürfnissen oder den Erwartungen der Eltern.

Dein Kind versteht (noch) nicht, dass nicht alles nach Plan laufen kann

Außerdem sind die gedanklichen Muster bei Kleinkindern noch nicht so flexibel und können mit Rückschlägen schwer umgehen. Dein Kind hat vorab einen Ablauf im Kopf, den es genau so umsetzen möchte. Auf verschiedene Szenarien und mögliches Scheitern kann es sich vorab nicht einstellen.

Ein Beispiel für einen Wutanfall beim Kleinkind

Wenn sich Dein Kleinkind zum Beispiel vorgenommen hat, den Saft selbst ins Glas zu schenken, das Glas dabei aber umfällt, dann ist das für Dein Kind eine ernsthafte Katastrophe. Du kannst noch so liebevoll reagieren oder vorher gesagt haben, dass das Glas umfallen könnte. Dein Kind wird wütend und frustriert sein, denn es hat wirklich geglaubt, dass sein Plan so funktionieren würde. Von seinen negativen Gefühlen wird Dein Kind dann dermaßen überrollt, dass es nichts anderes mehr wahrnehmen kann. Es brüllt, wirft sich zu Boden, lässt seiner Wut freien Lauf. Es ist gut möglich, dass Du in diesem Moment keine Möglichkeit siehst, zu ihm durchzudringen und dass es keinen Körperkontakt erlaubt.

Das Gehirn muss Kontrollmechanismen erst noch entwickeln

Die Ratgeberautorinnen und Bloggerinnen Katja Seide und Danielle Graf begründen das in ihrem Buch “Der entspannte Weg durch die Trotzphase” damit, dass Menschen mit zwei “Gehirnen” leben. Das emotionale Gehirn ist zuständig für alle Instinkte und angeborenen Verhaltensweisen. Ein Baby hat nur dieses Gehirn. Im Laufe der ersten Lebenjahre beginnt sich dann das sogenannte “kognitive Gehirn” zu entwickeln. Das heißt, der Mensch lernt, mit seinen Gefühlen und Instinkten angemessen umzugehen, Wut zu unterdrücken oder zu verlagern. Auch Kleinkinder lernen allmählich, zuzuhören und zu verstehen, warum etwas jetzt nicht sofort klappt.

Hat ein Kleinkind ein Stresserlebnis, wenn zum Beispiel ein Erwachsener etwas verbietet, übernimmt das emotionale Gehirn weitestgehend in seiner Funktion. Das Kind wird von seinen Emotionen überwältigt – es wütet. Graf, Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch die Trotzphase. S. 25

Wut ist nichts Schlimmes!

Wut ist an sich nichts Schlimmes, das solltest Du Dir bewusst machen. Auch Erwachsene werden wütend — nur sind wir anders als Kinder meistens in der Lage, diese Emotionen zu kontrollieren. Wut ist eine Emotion, die uns alarmiert, wenn etwas falsch läuft. Sie sorgt dafür, dass wir uns für unsere Bedürfnisse einsetzen und wir von anderen nicht einfach übergangen werden. Wut setzt eine enorme Energie frei, die uns durchsetzungsstark und selbstbewusst auftreten lässt.

Dein Kind soll seine Wut bei einem Wutanfall ausleben dürfen. Wir sollten unseren Kindern nicht beibringen, dass das Gefühl der Wut falsch ist, dass sie es einfach ignorieren sollen. Das kann später dazu führen, dass dieses wertvolle emotionale Alarmsystem namens Wut nicht richtig anspringt, wenn sie falsch behandelt werden. Solche Kinder lernen möglicherweise, ihre negativen Gefühle nicht richtig wahrzunehmen und sind umso anfälliger für jegliche Art von Missbrauch.

Wie reagiere ich richtig auf einen Wutanfall beim Kleinkind?

Ein Wutanfall ist also nichts anderes als ein Lernprozess. Jedesmal, wenn Dein Kleinkind einen Wutanfall hat, hat es die Chance, damit umgehen zu lernen. Jedes Kind ist anders und hat ein ganz eigenes Temperament. Wenn Dein Kind leicht wütend wird, wird es umso mehr Gelegenheiten haben, den richtigen Umgang zu lernen. Denn am Ende dieser Entwicklung lernen fast alle Kinder, ihr “emotionales Gehirn” in den meisten Situationen durch ihr “kognitive Gehirn” zu steuern.

So unterstützt Du Dein Kind bei einem Wutanfall

Wenn Deinen Kind einen Wutanfall hat, braucht es Deine Unterstützung. So kannst Du es begleiten:

  • Bleib bei Deinem Kind und ihm gib nicht das Gefühl, dass es etwas Falsches tut, indem es wütend ist.
  • Sorge dafür, dass es sich bei einem sehr starken Wutanfall nicht selbst verletzt.
  • Zeige Deinem Kind, dass es Gefühle auch in Worten ausdrücken kann.
  • Mach’ ihm klar, dass man die Wut nicht an anderen Lebewesen auslassen darf. Zur Not aber an Dingen, die nicht kaputt gehen (wie etwa einem Kissen).
  • Nimm Dein Kind in den Arm, sobald es das zulässt und gib ihm Zeit, sich nach dem Wutanfall auszuruhen, bevor ihr darüber sprecht.

Was Deinem Kind bei einem Wutanfall nicht hilft

Was Du nicht tun solltest, auch wenn diese Verhaltensweisen immer noch manchmal empfohlen werden:

  • Nimm Deinem Kind nicht die Chance, den richtigen Umgang mit der Wut zu lernen, indem Du durch Androhung von Strafe die Wut unterbindest.
  • Ignoriere Dein Kind nicht komplett, es braucht Dich in dieser Situation und muss wissen, dass es nicht allein ist. Wahrscheinlich ist es selbst mit seinen Gefühlen überfordert und kann sie einfach nicht steuern.
  • Lenke Dein Kind nicht jedes Mal mit irgendetwas ab, es muss auch eigene Strategien entwickeln können, sich nach einem Wutanfall wieder beruhigen zu können.
  • Gib nicht jedes Mal nach, nur damit Dein Kind nicht wütend ist. Was es wirklich braucht, ist Verständnis und Übung in Sachen Wut.

Ein Wutanfall in der Öffentlichkeit

Trotzdem ist ein Wutanfall beim Kleinkind für uns als Eltern vor allem in der Öffentlichkeit unangenehm bis enorm peinlich. Deshalb reagieren wir häufig mit wenig Verständnis oder werden sogar selbst wütend, weil das Kind uns vermeintlich blamiert.

Das tue ich, wenn mein Kind sich im Café auf den Boden wirft und mehr Eis fordert:

  1. Den Wutanfall in der Öffentlichkeit wenn möglich schon vorab verhindern, indem ich ausnahmweise mal etwas mehr durchgehen lasse oder ganz am Anfang einlenke. Und eine Alternative zum Wunsch des Kindes anbiete, die mindestens so verlockend ist. Gemeinsam auf den Spielplatz gehen oder etwas Vorlesen zum Beispiel.
  2. Den unangenehmen Ort so schnell wie möglich verlassen. Das sage ich meinem Kind vorher auch, manchmal hilft das, wenn er nicht gehen möchte.
  3. Ablenken. Im absoluten Notfall wird bei uns in Situationen, aus denen wir nicht herauskommen, dann auch mal ein Video auf dem Smartphone angemacht.

Manche Kinder lassen sich bei einem Wutanfall gut ablenken, indem man etwas ganz Unerwartetes tut. Ich habe vor Kurzem zum Beispiel ganz plötzlich unter das T-shirt meines fast 3-jährigen Sohnes gefasst, während er einen Wutanfall hatte. Als er mich ganz verdutzt und empört ansah, erklärte ich ihm dass ich “den Grant” einfach rausgezogen habe und wir den jetzt nicht wieder reinlassen. Der Wutanfall meines Kleinkindes war beendet. So ein Ablenkungsmanöver würde ich nicht jedes Mal veranstalten, aber in Notfällen ist mir jedes Mittel recht.

Auch hilft es, wenn man andere Personen mit einbezieht. Wenn ein Außenstehender etwas sagt, ist mein Sohn auf der Stelle still. Weil das so selten passiert, beeindruckt ihn das sehr. Manchmal hilft es bei meinem fast 3-jährigen auch tatsächlich, wenn ich ihm sage, dass mir das peinlich ist vor den anderen Menschen, wenn er so laut schreit. Dann hört er entweder ganz auf oder versucht, leiser zu brüllen.

Die Wut der Eltern

Wenn Dein Kleinkind einen Wutanfall hat, behalte im Hinterkopf: Dein Kind wütet in der Regel nicht, um Dich oder andere zu ärgern oder gar zu manipulieren. Es ist komplett überwältigt von seinen Gefühlen, möglicherweise hört es gar nicht mehr, was die Menschen um es herum sagen. Vielleicht macht ihm diese Situation auch selbst Angst. Versuche also, einen Wutanfall Deines Kleinkindes nicht persönlich zu nehmen und Verständnis aufzubringen. Ich weiß, das ist viel verlangt. Aber führt häufig schneller zum Ziel, als selbst wütend zu werden. Auch nachträgliche Strafen bringen gar nichts, denn bei einem Wutanfall kann Dein Kind sich nicht kontrollieren.

Und häufig ist es das genau das, was passiert: Auch wir Eltern haben nach wie vor ein emotionales Gehirn, das bei sehr großem die Kontrolle übernimmt. Wir werden wütend. Oder trotzig. Auch Du bist dann plötzlich wie ferngesteuert und verfällst eventuell in Verhaltensweisen, die Du vielleicht aus der eigenen Kindheit kennst — und die Du niemals an seinem eigenen Kind anwenden wolltest.

Halte Dir auch vor Augen, dass ein Verständnis für die Gefühle anderer Menschen bei Deinem Kind vielleicht nur sehr wenig ausgeprägt ist. Denn die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, die sogenannte Empathie, entwickelt sich meist erst ab dem 3. Geburtstag, manchmal auch viel später. Deinem Kind ist es also nicht egal, wie es Dir geht, es kann einfach noch nicht verstehen, warum Dir das so unangenehm ist oder Dich auch wütend macht.

Warum manche Kinder besonders wütend sind

Wie häufig ein Kind wütend wird und wie heftig ein Wutanfall beim Kleinkind dann ausfällt, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Charakter des Kindes
  • spezifisch wahrgenommene Problematik
  • erlernte Frustrationstoleranz
  • allgemeines Frustrationslevel

Gegen den Charakter Deines Kindes kannst Du nicht angehen. Manche Menschen sind von Geburt an impulsiv und aufbrausend, andere eher ruhig und ausgeglichen.

An anderen Punkten kannst Du als Elternteil allerdings etwas ändern. Mache aus den Dingen kein Drama, wenn mal ein Glas kaputt geht. Oder Dein Kind einen Fleck auf Deine Lieblingsbluse gemacht hat. Natürlich kannst Du sagen, dass Dich das ärgert, aber davon geht die Welt nicht unter. So sieht Dein Kind, dass Dinge mal schief gehen können, ohne dass das ein großes Problem darstellt. Zur spezifisch wahrgenommenen Problematik gehört allerdings auch, wie wichtig Deinem Kind die Sache war, die seinen Wutanfall verursacht hat. Das ist von außen oft nicht vorhersehbar und die Reaktion fällt für uns gefühlt sehr heftig aus.

Frustrationstoleranz ist eine kognitive Fähigkeit, die schon sehr früh im Leben erlernt wird. Dazu musst Du Deinem Kind aber auch gestatten, mal Misserfolge zu erleben.

Kannst Du einem Wutanfall vorbeugen?

Am meisten kann man meiner Erfahrung nach Wutanfällen beim Kleinkind vorbeugen, indem man das allgemeine Frustrationslevel niedrig hält. Vielleicht kennst Du das selbst auch: Wenn Dir an einem Tag schon viele doofe Dinge passiert sind, braucht es nicht mehr viel, bis Du an die Decke gehst. Wenn Du Dich dagegen insgesamt wohl und verstanden fühlst, können auch ein paar kleinere Misserfolge die Laune nicht trüben. Wenn Du also selbst das Gefühl hast, dass ein Wutanfall den nächsten jagt, sei umso verständnisvoller. Unternimm etwas Tolles mit Deinem Kind, kitzel es mal von oben bis unten ab, geht gemeinsam an der frischen Luft toben, esst zusammen ein Eis. Was auch immer Deinem Kind ein gutes Gefühl gibt. Du wirst sehen, das wirkt Wunder!

Schlafmangel macht wütend
Für manche Eltern ist das der ultimative Tipp für Kinder in der Trotzphase: Sorge dafür, dass Dein Kind genug schläft! Denn in unausgeschlafenem Zustand fällt es Kindern noch schwerer, ihr emotionales Gehirn zu steuern.

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