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Fremdeln: Was in dieser Phase alles normal ist


Vor kurzem hast Du Dich noch gefreut, wie fröhlich und vertrauensvoll Dein Baby seinen Mitmenschen begegnet – und jetzt klebt es plötzlich förmlich an Dir und hat Angst oder weint, wenn ihm jemand anderes zu nahe kommt? Keine Sorge, das ist kein dauerhafter Charakterzug, sondern eine ganz normale Entwicklungsphase: Die Fremdelphase, die fast alle Babys und Kleinkinder durchlaufen. Warum Kinder fremdeln und wie Eltern sie dabei unterstützen können, habe ich für Dich zusammengefasst.

Wann fremdeln Kinder?

Als Fremdeln bezeichnet man ein Verhalten von Säuglingen, das meist um den 8. Lebensmonat herum beginnt. Deshalb spricht man in der Psychologie auch von Achtmonatsangst. Plötzlich begegnen Babys mit Misstrauen, Angst und Ablehnung auf mehr oder weniger fremde Personen, besonders auf männliche. Manchmal geht das Fremdeln so weit, dass selbst der eigene Papa abgelehnt wird. Das kann diesen natürlich sehr vor den Kopf stoßen, dabei hat es nichts mit genereller Ablehnung seiner Person zu tun.

Wann das Fremdeln genau beginnt, ist individuell. Häufig geht der Entwicklungsschritt mit einem mentalen Schub wie dem 37-Wochen Schub und / oder erhöhter Mobilität einher, also mit der Fähigkeit, zu robben oder zu krabbeln.

Wie lange fremdeln Babys?

Trotzdem fragt Ihr Euch als Eltern wahrscheinlich, wann die Fremdelphase wieder aufhört. Tatsächlich kann sich dieses Verhalten über viele Monate hinziehen und im zweiten und dritten Lebensjahr sogar noch verstärken. Um den dritten Geburtstag herum sollte es aber wieder leichter werden.

Warum fremdeln Babys?

Die Fremdelphase bei Babys ist anstrengend, keine Frage. Aber sie ist auch und vor allem ein wichtiger Entwicklungsschritt. Denn vor der Angst vor fremden Menschen kommt zunächst einmal die kognitive Fähigkeit, diese als fremd zu erkennen. Dein Baby kann nun vertraute Gesichtszüge wie die von Mama wiedererkennen und einordnen. Vorher erkennt ein Baby seine Mama vor allem an der Stimme und dem Geruch.

Wenn Dein Baby manche Menschen ablehnt und den engen Bezugspersonen Vertrauen entgegen bringt, zeigt das, dass es erfolgreich eine Bindung aufbauen konnte. Psychologisch ist das eine wichtige und gesunde Fähigkeit.

Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass Fremdeln etwas mit Selbstschutz zu tun hat. Bei Primaten und auch anderen Säugern kommt es in den ersten Lebensmonaten und -jahren, während Kinder noch sehr nah bei der Mutter sind, immer wieder zum sogenannten Infantizid. Das heißt, Männchen töten die Kinder eines Weibchens, um sozusagen freie Bahn für den eigenen Nachwuchs zu haben – natürlich nicht die eigenen, sondern fremde Jungtiere. Das würde auch erklären, warum Kinder besonders bei Männern fremdeln.

Fremdeln ist also aus verschiedenen Gesichtspunkten ein sinnvoller und wichtiger Entwicklungsschritt, der das Kind schützt.

Fremdelphase und Trennungsangst

Dass Dein Kind in dieser Phase besonders ungern von der Seite bzw. vom Arm seiner Mama weicht, ist ebenfalls ganz normal. Dahinter steckt keine Trennungsangst im Sinne einer emotionalen Störung. Dein Kind braucht nun einfach besonders oft die beruhigende Bestätigung, dass Mama da ist, es tröstet und umsorgt. Aus dieser Gewissheit bildet sich das für das spätere Leben so wichtige Urvertrauen.

So reagierst Du richtig

Wenn Du Dich also fragst, ob Du irgendetwas tun musst, um Dein Kind in dieser Phase zu “erziehen” oder zu unterstützen, dann ist die Antwort recht einfach.

  • Ein fremdelndes Kind, egal ob mit 4 Monaten oder 2 Jahren, sollte niemals gezwungen werden, sich von seiner Mama zu trennen und bei Personen zu bleiben, vor denen es Angst hat.
  • Wenn Du Sprüche hörst, wie “Dein Kind tanzt Dir auf der Nase herum” oder “Stell Dich nicht so an”, solltest Du darauf nicht hören. Nimm die Angst Deines Kindes ernst.
  • Lass Deinem Kind Zeit, sich mit fremden Personen vertraut zu machen. Wenn es so weit ist, wird es von sich aus auf andere zugehen.
  • Erkläre Außenstehenden, warum Dein Baby so ablehnend reagiert und dass sie etwas auf Abstand bleiben sollen.
  • Sei selbst entspannt in Anwesenheit anderer Personen. Deine Stimmung überträgt sich auch auf Dein Kind. Vermeide, wenn möglich, die Anwesenheit von Personen, die Dich nervös machen.

Kann man fremdeln verhindern?

Ob, ab wann und wie lange ein Kind fremdelt, hängt nicht von den Eltern ab. Jedes Kind ist ein Individuum und wird mit ganz eigenen Anlagen und Charakterzügen geboren. Wenn Dein Kind also sehr früh, sehr lang oder sehr stark fremdelt, kannst Du das nicht verhindern.

Allerdings kannst Du dafür sorgen, dass es in dieser Zeit in seiner Entwicklung keinen Schaden nimmt, indem Du es wie oben beschrieben unterstützt. Irgendwann wird die Phase von allein aufhören.

Wie stark ein Kind in einer konkreten Situation fremdelt, hängt unter anderem auch von seinem aktuellen Zustand (Müdigkeit, Schmerzen) ab und davon, wie überfordernd die Situation vielleicht allgemein ist. Unter vielen fremden Menschen in einem geschlossenen Raum wird ein Kind wahrscheinlich viel ängstlicher reagieren, als unter vier Augen in der freien Natur.

Auch das Verhalten, das Aussehen und die Stimmlage bzw. -lautstärke wird einen Unterschied machen. Am besten kann ein Kind Vertrauen zu fremden Personen fassen, wenn diese sich entweder gar nicht und dann vorsichtig und langsam nähern.

Dein Kind zeigt gar keine Angst?

Vielleicht hast Du aber auch ein Kind, bei dem die Fremdelphase scheinbar gar nicht existiert? Auch das ist nicht unbedingt ein Grund zur Sorge. Schau zunächst einmal ganz genau hin, dann wirst Du wahrscheinlich doch bemerken, dass Dein Kind reagiert – nur eben nicht so stark, wie man erwarten würde. Oft sind es sehr aktive und sehr neugierige Kinder, die kaum fremdeln. Dann überwiegt einfach die Entdeckerlust über dem Impuls, Abstand zu halten.

Theoretisch könnte fehlendes Fremdeln auch ein Hinweis auf eine Bindungsstörung sein. Wenn Du Dir in diese Richtung Sorgen machst, sprich mit Deinem Kinderarzt.

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