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Ab wann kann ich meinem Kind vorlesen?

Vorlesen fördert die Entwicklung Eures Kindes und stärkt die familiäre Bindung. Wann Eltern mit dem Vorlesen beginnen können und welche Möglichkeiten Bücher bieten, erklärt Pädagogin Martina Löffler im Interview.

Martina Löffler Interview Vorlesen

Martina Löffler (27) hat Bildung und Erziehung im Kindesalter studiert und leitet seit Juli 2014 einen evangelischen Kindergarten in Erfurt.

Ab wann kann ich mit meinem Kind Bücher anschauen oder ihm Geschichten vorlesen?

Martina Löffler: Das kommt auf die Entwicklungs- und Bildungsprozesse des einzelnen Kindes an. So berichten mir Eltern von Kindern im 8. oder 9. Lebensmonat – viele Kinder können in diesem Alter selbstständig sitzen –, dass sich ihr Kind das Bilderbuch verkehrt herum anschaut. Beim Buchbetrachten kommt demnach nicht nur dem Inhalt des Buchs mit seinen Bildern und später dem Schriftbild eine Bedeutung zu. Für kleine Kinder spielt das Fühlen, das Kennenlernen mit der Zunge und dem Mundraum oder der eben benannte “Perspektivwechsel” bei den ersten Kontakten mit dem Medium Buch eine ebenso große Rolle.

Woher weiß ich, welches Buch für das Alter meines Kindes geeignet ist?

Eine Möglichkeit wäre, sich auf die Altersempfehlungen der Verlage zu verlassen. Nichtsdestrotrotz unterscheiden sich Kinder desselben Alters hinsichtlich ihres Geschlechts, Temperaments, Gesundheitszustands und der Umwelt, in der sie aufwachsen – kurz ihre Bedürfnisse sind vielfältig und individuell. So begeistert sich beispielsweise ein dreijähriges Kind für Indiandergeschichten – diese sind vielleicht erst für Kinder ab fünf Jahren vorgesehen. Warum sollten die Eltern dem Interesse des Kindes nicht nachkommen? Natürlich ist es wichtig, dass Eltern auf Nachfragen oder Verständnisschwierigkeiten des Kindes reagieren und Dinge beispielsweise umformulieren. So lassen sich Unter- und Überforderung vermeiden. Aus meiner Sicht sollten Eltern auf ihr Bauchgefühl vertrauen.

Wie oft sollte ich meinem Kind vorlesen?

Hier ist meine Empfehlung, es nicht zu übertreiben. Natürlich ist es ein Gewinn für Kinder mit Büchern aufzuwachsen und groß zu werden. Sie identifizieren sich mit dem Helden, fühlen mit, kommen mit dem Kulturgut unserer Gesellschaft in Kontakt und konstruieren sich ihr Wissen von und damit ihre Sicht auf die Welt. Insofern bieten Bücher einen unerschöpflichen Schatz. Entscheidend für das körperliche, geistige und psychische Wohlbefinden eines Kindes ist dennoch etwas anderes: Eine tragfähige und liebevolle Beziehung zu seinen primären Bezugspersonen.

Warum ist es dennoch wichtig, meinem Kind vorzulesen?

Um die Beziehung zwischen Kind und primären Bezugspersonen aufzubauen und auszubauen und zu festigen. Vorlesen und Erzählen ermöglichen es, in Kontakt zu sein, sich auszutauschen, Themen und Interessen des eigenen Kindes kennenzulernen, alltägliche und grundlegende Fragen, Probleme und Konflikte anzusprechen und zu verarbeiten – kurz die familiären Bindungen zu stärken. Das Anschauen von Bilderbüchern, das Vorlesen und Erzählen von Geschichten kann also ein wichtiger und bedeutsamer Impuls sein, um Entwicklung anzuregen.

Was bewirkt das Vorlesen beim Kind?

Dem Erzählen und Vorlesen von Geschichten werden natürlich (zurecht) eine Reihe weiterer positiver Wirkungen zugeschrieben. Wahrnehmungsförderung, Sprach- und Kommunikationsförderung, Förderung der Konzentrationsfähigkeit, Förderung der kognitiven und emotionalen Entwicklung, Förderung der Fantasieentwicklung sind beispielsweise einige Ziele, die wir uns im Kindergarten bei der pädagogischen Arbeit mit den Kindern setzen. Hinzu kommen auch Ziele, wie die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern zu stärken. Auch hier spielen Geschichten oder Märchen große Rollen, da sie gut dazu dienen, mit Kindern im Gespräch zu sein: „Was könnte der Held jetzt tun?“, „Wer kann ihm helfen?“ „Hast Du so etwas auch schon einmal erlebt?“ sind Fragen, die Anknüpfungspunkte bieten.

Wie kann ich mein Kind für Bücher begeistern?

Eine große Hilfe kann es sein, das Vorlesen und Erzählen zu ritualisieren, beispielsweise vor dem Zubettgehen. Dies ermöglicht Kind und Erwachsenen, sich auf diese Phase des Tages einzustellen, ohne aus der Tätigkeit, der man gerade nachgeht, gerissen zu werden und einen Rahmen zu bieten. Für eine heimelige Atmosphäre können Kissen, Betten und das entsprechende Licht dienen. Wichtig erscheint mir der Körperkontakt zwischen Bezugsperson und Kind – er gibt Sicherheit, beispielsweise bei Szenen, die bedrohlich oder unheimlich erscheinen. Das Vorlesen oder Erzählen sollte in einer ruhigen Umgebung stattfinden und dem Kind Raum und Zeit lassen für eigene Äußerungen.

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