Acht Tage ohne Papa


Ich ziehe meinen Hut vor allen Alleinerziehenden da draußen. Wirklich. Denn ich war nur die letzten acht Tage alleine mit den Nestlingen, weil Thomas beruflich nach New York musste, aber selbst diese verhältnismäßig kurze Zeitspanne zeigte mir einmal mehr, wie wichtig er im Alltag für uns ist – als Vater für seine Kinder und als unterstützender Partner für mich.

Tränenreicher Abschied

Ich brachte Thomas gemeinsam mit den Kindern zum Flughafen und weil ich bereits öfter alleine mit den Kids unterwegs war, irritierte mich der sehr heftige Trennungsschmerz unseres Mädchens. Sie murmelte bereits den ganzen Tag leise vor sich hin „Ich will nicht, dass Papi fliegt!“ und als wir ihn schließlich an der Sicherheitskontrolle verabschiedeten, begann sie bitterlich zu weinen.

Ich umarmte sie lange, aber sie war untröstlich. Ich versuchte sie mit Worten aufzumuntern, jedoch vergebens. Obwohl ich diese Strategie sonst nie fahre, kaufte ich ihr zur Ablenkung ein pinkes Heftchen am Flughafen-Kiosk mit einem überteuerten, aber sehr billig aussehenden Einhorn. Das verhalf lediglich zu etwa fünf tränenfreien Minuten – die Zeit, die sie benötigte, um sich eines von den hundert Heften auszusuchen.

Das Mädchen weinte (von winzigen Unterbrechungen abgesehen) insgesamt über vier Stunden. Sie weinte fast unaufhörlich bis zum Schlafengehen und bezeichnete sich selbst irgendwann als „Weinemädchen“. Sie tat mir unfassbar leid und ich war baff und ratlos. Ich sagte ihr, dass ich ihr so gerne helfen würde, aber nicht weiß wie. Dass ich nur bei ihr sein und sie halten kann, in der Hoffnung, dass es ein wenig helfe. Daraufhin vergrub sie ihre kleine Rotznase tief in meinen frischgewaschenen Pulli und nickte schniefend. Immerhin.

Ereignisreiche Woche

Weil sie die Trennung so mitnahm, war ich bemüht, extra lieb zu ihr zu sein und die Tage so angenehm wie möglich für sie zu gestalten. Vormittags ging sie wie gewohnt in den Kindergarten und an den Nachmittagen luden wir ihre Freundinnen ein, mit denen wir gemeinsam spielten und Abendbrot aßen. Dieses regelmäßige, abendliche Beisammensein am Esstisch war ungewohnt, aber es hob die Stimmung ungemein.

Keine Angst…

Trost brauchte das Mädchen tagsüber kaum, aber an den ersten beiden Abenden schlich sie bei Einbruch der Dunkelheit durchs Wohnzimmer und erzählte mir plötzlich von ihren Ängsten. Sie fragte mich, ob es Dinosaurier gibt, Hexen und Gespenster, was ich erstaunt verneinte, weil sie sich bislang nie im Dunkeln gefürchtet hatte. Bei der Frage nach den Dieben rollte ich innerlich die Augen, aber ich antwortete wahrheitsgemäß, woraufhin sie mich bat, mit dem Bub und mir im Familienbett schlafen zu dürfen.

…vorm Zubettbringen

Diesen Wunsch erfüllte ich ihr natürlich – sie darf sich auch wenn Thomas da ist, jederzeit zu uns kuscheln – jedoch war mir nicht klar wie ich die beiden gleichzeitig ins Bett stecken sollte, denn der Bub braucht Stille zum Einschlafen und das Mädchen eine Geschichte. Während ich den Kleinen im Schlafzimmer ins Milchkoma versetze, quatscht Thomas die Große normalerweise mit einer erfundenen Geschichte in den Schlaf.

Am ersten Abend war alles so durcheinander und die Zeit schon so fortgeschritten, dass das Mädchen einfach bei Licht auf meiner Schulter einschlief, während der Bub noch bis halb zehn auf den Matratzen herum turnte.

Doch in den darauffolgenden Nächten fanden wir einen super Rhythmus. Das Mädchen hörte im Kinderzimmer ein Hörbuch, während ich den Knaben im Schlafzimmer in den Schlaf stillte. Dann schlief er für etwa 30 Minuten so fest, dass ich dem Mädchen in ihrem Bett eine Geschichte vorlesen und sie anschließend im Familienbett in den Schlaf huscheln konnte. Sie verzichtete auf die Einschlaferzählung, damit sie bei uns sein konnte und schlief so unkompliziert und vor allem flott ein (in weniger als zwei Minuten), dass ich mich jeden Abend aufs Neue darüber freute.

Eine anstrengende Woche…

Obwohl sich beide Nestlinge in den Tagen ohne Papa von ihrer besten Seite zeigten, empfand ich die Woche ziemlich anstrengend. Zum Duschen sprang ich beispielsweise für 2 Minuten in die Wanne (nicht unter die Dusche), weil der Bub mich darin nur mit Badutensilien bewerfen, aber nicht hineinklettern konnte. Musste ich auf Toilette, beobachteten mich immer mindestens zwei Augen. Und der Haushalt lässt sich auch wesentlich leichter wuppen, wenn Thomas die Kinder mal eben für ein paar Minuten bespaßt und sie nicht SOFORT alles unkontrolliert wieder herauskramen, was ich eben wegeräumt habe…

…wurde unerwartet noch viel anstrengender

Richtig blöd wurde es jedoch, als sich das Mädchen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag plötzlich übergeben musste. Sie traf mich und den Kleinen und saute eine Matratze des Familienbettes komplett ein. Da stand ich dann gefühlt minutenlang in Schockstarre, weil ich nicht wusste, ob ich mich zuerst um das weinende Baby, die kranke Schwester oder die vollgekotzte Matratze kümmern soll.

Ich kam schnell wieder zur Besinnung, packte den Bub auf den Rücken, tröstete die Große und ging mit ihr (und dem ganzen Bettzeug) zum Wäschewaschen in den Keller. Zum Glück nahmen die Nestlinge dieses nächtliche Waschabenteuer gelassen. Somit konnte ich noch in Ruhe die Laken auswaschen und das Familienbett neu beziehen, bevor ich das Mädchen mit einem warmen Kirschkernkissen versorgte und wieder ins Bett steckte. Sicherheitshalber schob ich mit dem Eimer in der Hand Nachtwache und verhinderte so einen zweiten und dritten Waschgang…

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Da das Mädchen ja nicht in den Kindergarten durfte, badeten wir zunächst gemeinsam mit dem Bub (wir müffelten alle ein bisschen) und schauten uns anschließend das Dschungelbuch an. Besser gesagt, das Mädchen schaute und der Bub und ich, wir schliefen tief und fest.

Dieser „Gammelvomittag“ brachte uns schnell wieder auf die Beine. Zum Glück, denn so konnten wir das wunderschöne Herbstwochenende an der frischen Luft genießen und das befürchtete Horrorszenario – also ich mit Magen-Darm und zwei energiegeladenen Kids – blieb uns erspart.

Papi kommt

Montag kam Thomas endlich wieder zurück und das Mädchen freute sich so sehr, dass sie bereits am Sonntag seine Rückkehr in einem Rollenspiel mit mir nachstellte. Ich war Papa, der sie aus dem Kindergarten abholte und als sie mir dann voller Liebe um den Hals fiel und mich zu Boden küsste, war ich fast ein bisschen neidisch.

Doch letztlich überwog die Freude, weil das Mädchen viele Jahre auf mich fixiert war und Thomas bei Krankheit oder wenn es ihr emotional schlecht ging oft zurückwies. Es ist schön zu sehen, dass diese (für mich und Thomas schwierige) Phase vorüber ist und sie ihren Papa nun gleichermaßen liebt und vermisst.

Schlussgedanke

Ich bin einerseits ziemlich stolz auf mich, weil die Woche ohne Thomas besser lief als erwartet und Situationen wie das Zubettbringen und Kochen mit zwei Nestlingen nahezu reibungslos verliefen. Diesbezüglich habe ich meine Fähigkeiten offensichtlich gehörig unterschätzt.

Andererseits wurde mir wieder einmal bewusst wie oft Thomas mir im Alltag unter die Arme greift und wie viel angenehmer es ist, wenn wir uns bestimmte Aufgaben teilen können. Wie gut es tut, wenn er mich an einem turbulenten Tag in seine Arme nimmt und wie glücklich ich mich schätzen kann, einen so großartigen Mann an meiner Seite zu haben.

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