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Aufwachsen in einer Regenbogenfamilie – Wird unser Sohn auch schwul?


Das Leben einer Regenbogenfamilie (Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern) ist nicht anders als in allen anderen Familienmodellen. Die Bedürfnisse der Kinder, die Ängste der Eltern, das Zusammenleben setzt sich nicht besonders ab. Alle haben im Laufe der Zeit ihren Platz, ihre Aufgaben, ihre Stärken und Schwächen gefunden. Die Rollen wurden verteilt, eben nicht klassisch, sondern auf das jeweils gleiche Geschlecht. 

Bei Christian und mir gilt, dass theoretisch jeder alles macht. Ist einer von uns z.B. beruflich unterwegs, dann übernimmt der andere alle anfallenden Dinge. Es bleibt nichts liegen, nur weil das vielleicht normalerweise nicht die Aufgabe des Zuhausegebliebenen ist. Und wenn dann doch mal, dann nur, weil Papa besser mit der Bohrmaschine und Papi besser mit der Waschmaschine umgehen kann. 

Wenn wir beide zuhause sind, dann hat Lukas natürlich Vorlieben, die aber auch monatsweise wechseln können. Momentan ist Papa beim Vorlesen und Fertigmachen ganz vorne, Papi darf ins Bett bringen und vermehrt kuscheln. Er geht seinen ganz eigenen Gefühlsweg und je nachdem wie dieser gerade aussieht, fordert er die Dinge, die er braucht, von uns ein. Manchmal tun wir uns vielleicht in der spontanen Umsetzung etwas schwer, vor allem, wenn plötzlich die Vorlieben und der damit verbundene Elternteil wechselt – unsere Rollen haben wir generell aber gut angenommen. Entgegen so mancher Meinung von Außenstehenden, funktioniert ein Haushalt mit drei Männern also wunderbar.

Erhält Lukas auch weiblichen Einfluss?

Im Jugendamt wurden wir während des Prozesses zum Pflegekind gefragt, wie wir denn sicherstellen würden, dass Lukas auch weiblichen Einfluss in seiner Erziehung und während seines Aufwachsens erhalten würde. Wir schauten uns damals an und waren etwas verdutzt über die Frage. Zu selbstverständlich war für uns schon immer der Umgang mit Frauen in unserem direkten Umfeld – eine symbolische Patin, die beiden Omas, ganz viele weibliche Freunde, sowohl von uns, als auch mittlerweile von ihm. Dass es zwischen Schwulen und Frauen zu den besten Freundschaftsbeziehungen kommt, war dem Jugendamt zu dem Zeitpunkt wohl noch nicht bekannt. Lukas kommt also gar nicht um Frauenrollen herum. Und warum sollten wir ihm das auch verwehren? Wir finden, dass es absolut wichtig ist, dass er Einfluss von beiden Geschlechtern erhält. 

Die Gesellschaft ist aber nicht die Gesellschaft, wenn sie nicht die abstrusesten Fragen stellen würde. Und so kam es, wie es irgendwie kommen musste. Wir wurden mit der Frage konfrontiert, ob wir nicht Angst hätten, dass Lukas einmal schwul wird. Die Frage ist ja in sich schon völlig daneben! Warum sollten wir bitte Angst davor haben? Immerhin führen wir ein unfassbar glückliches, schwules Leben. Wir sind seit 10 Jahren ein Paar, seit sechs Jahren verheiratet, seit zwei Jahren mit Kind, auf dem Land mit Hund wohnend… wie viel Lebensglück mehr muss man haben? Wir sind also weit davon entfernt, vor einem schwulen Leben Angst zu haben. 

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Gleichzeitig ist uns natürlich klar, was genau damit gemeint ist, dass Lukas schwul werden könnte. Die These ist also, dass Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen vermehrt homosexuell werden. Interessanter Ansatz – aber leider auch völliger Blödsinn! 

Kann man Homosexualität anerziehen?

Ganz offen gesagt: Homosexuell zu sein, ist keine Einstellung, keine Phase oder Lebensidee. Homosexualität kann man nicht erlernen oder anerziehen. Sie kann nicht nachgemacht oder abgeguckt werden. Homosexualität ist auch nicht klassisch vererbbar, es gibt kein vielbesprochenes Schwulen-Gen. Die Eltern der meisten Homosexuellen sind heterosexuell. Momentan geht man eher davon aus, dass die Weichen zwar tatsächlich in der Schwangerschaft gestellt werden, der Ursprung aber mehrere Bausteine beinhaltet. Hier geht es um aktive und inaktive Gene, Chromosomen und Hormone. 

Viele Heterosexuelle haben sich in der Pubertät ausprobiert und Erfahrung auch mit dem gleichen Geschlecht gesammelt. Homosexuelle wiederum haben in der Jugend oft auch heterosexuelle Beziehungen bevor sie sich outen. Bei einigen kommt der Wunsch, die eigene sexuelle Orientierung auszuleben erst später im Leben. Andere schaffen es nie, sich zu outen und leben ihr Leben lang gezwungen in heterosexuellen Beziehungen.

Vorteile von Regenbogenfamilien beim Outing

Egal was man also wann macht, wie man lebt, wie man sich orientiert, klar ist, dass sexuelle Orientierung nicht anerzogen werden kann, nur weil man es bei den eigenen Eltern täglich sieht. Wenn Lukas schwul wird, dann, weil diese Orientierung bereits in ihm steckt! Hier hat das Leben in einer Regenbogenfamilie aber auch einen großen Vorteil. Egal, wie offen eine heterosexuelle Familie auch sein mag, das Outing eines Sohnes oder einer Tochter ist ein unglaublich emotionaler Schritt, weil man eben anders ist, als alle anderen in der Familie. Man fällt aus der Norm, ist von Akzeptanz und Respekt abhängig und hat Angst vor der Ablehnung der Menschen, die einem am nächsten stehen. Lukas wächst dagegen bereits in einer nach außen immer noch andersartigen Familie auf, er erlebt absolute Offenheit. In der Hoffnung, dass es am Ende tatsächlich so ist, gehen wir davon aus, dass es ihm – sollte er wirklich schwul sein – nicht wirklich schwerfallen wird, dies auch offen auszusprechen. In diesem Punkt also ein klarer Vorteil für den Umgang mit seiner eigenen Selbstfindung. 

Lukas soll lieben dürfen

Wir haben keine Angst davor, dass unser Sohn einen Menschen lieben wird. Wir wünschen ihm, dass er die für sich richtigen Entscheidungen trifft, dass er liebt und geliebt wird, dass er glücklich und zufrieden in einer Beziehung wird. Es ist völlig egal, ob er das hetero- oder homosexuell auslebt. Wichtig ist, dass er sich selbst findet! Dass er neugierig ist, sich ausprobiert und sich treu bleibt. Und natürlich wünschen wir ihm, dass er diesen einen besonderen Menschen kennenlernt, der ganz lange an seiner Seite bleibt. Bis dahin nehmen wir ihn an die Hand und versuchen, ihm alle Offenheit dieser Welt mitzugeben. 

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