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Zu wem sagt Lukas eigentlich „Mama“ – Rollenverteilung in einer Regenbogenfamilie


Die Frage nach der Rollenverteilung bringt eine Regenbogenfamilie wohl noch ein bisschen mehr auf die Palme, als eine klassische Familie. Ist man in diesen seit Jahrzehnten bedacht, die Rollen aufzuweichen und gerade nach Genderdiskussion & Co. diesem Thema nicht mehr viel Raum zu geben, so bringt uns diese, immer noch oft gestellte Frage, an den Rand der Verzweiflung.

Bevor wir uns vor 20 Jahren outeten, waren wir beide in heterosexuellen Beziehungen und damals kam nie einer auf die Idee explizit zu fragen, ob wir eher die weibliche oder männliche Rolle übernehmen. Damals war aber auch die generelle Rollenerwartung noch recht klar.

Nachdem wir anfingen, offen schwul zu leben, änderte sich das radikal. Ich weiß nicht, wie oft ich nach genau dieser Rolle in den letzten zwei Jahrzenten gefragt wurde. „Wer ist denn die Frau bei euch?“, „Dass du der Mann bist, ist doch klar!“, „Bei euch gibt’s doch auch eine klare Rollenverteilung!“, sind nur ein paar dieser Zuordnungsversuche. Mit der Zeit wurde ich müde, über dieses Thema zu philosophieren und nickte brav bei Erkenntnissen, die von außen kamen.

Was man zwei Männer nie fragen sollte!

Mit unserem Sohn Lukas wurde das Thema dann auf das nächste Level gehoben. In einem unserer ersten Gesprächstermine im Jugendamt, wurde uns tatsächlich die Frage gestellt, zu wem das Kind eigentlich Mama sagen wird. Wir schauten uns an und waren sprachlos. Es konnte doch nicht sein, dass man zwei Männern eine Rolle zuschreibt und das Kind diese auch noch benennen soll. Vielleicht war es Unwissenheit oder Unsicherheit. Vielleicht war es die Unkenntnis über unser Familienmodel, vielleicht aber einfach auch nur unbedacht. Wir platzierten damals recht klar, dass es in unserer kleinen Familie einen Papa und einen Papi geben wird – und sicherlich keine Mama.

Diese Frage löste bei uns allerdings etwas aus. Hatten wir uns vorher nie wirklich Gedanken über eine Rollenverteilung gemacht, die Ansprachen und Fragen kamen ja immer nur von außen, so füllten wir mit den folgenden, gemeinsamen Gesprächen darüber, ganze Abende. Was ist eine Rollenverteilung, muss es sie vielleicht geben und muss sie auch benannt werden? Nach einer Verteilung folgt auch eine Erwartung, und können wir diese dauerhaft erfüllen?

Schatz, was können wir eigentlich?

Wir stellten fest, es gibt Dinge, die jeder einzelne gut kann – an mancher Stelle eben besser als der andere. Christian ist z.B. sicherlich der Einfühlsamere in der Beziehung. Er kann Gefühle besser zeigen, aber vor allem kann er sie benennen.  Seine große Stärke ist, sich zu kümmern. Innerhalb der Beziehung hat er maßgeblich Dinge wie Waschen und Bügeln übernommen. Er hat den wesentlich besseren Blick für Styling. Und als Schwabe ist er unser selbsternannter Finanzminister.

Ich bin gut in allem Kreativen. Ich baue, bastle, male und repariere. Der Maschinenfuhrpark im Keller gleicht einer ganzen Werkstatt. Ich liege mit Zwergi stundenlang auf dem Boden und spiele Eisenbahn, lese Bücher oder höre Hörspiele mit ihm. Ich verliere nicht die Geduld, wenn ich zum 100. Mal die Türen am Feuerwehrauto öffnen soll, der Bauklotzturm umfällt oder das Playmobilmännchen den Helm inkl. Haare verloren hat.

Und hier liegt dann auch gleichzeitig die Antwort für eine Rollenverteilung: Wir tun einfach das, was wir jeweils am Besten können! Klar, bügeln kann ich auch, mein Mann macht es aber einfach besser. Natürlich liest er auch vor, macht es aber vielleicht ein kleines bisschen weniger gerne als ich. Wir ergänzen uns an fast allen Stellen, oder wir haben über die Jahre einfach unseren gemeinsamen Weg gefunden, schöne oder eben auch unschöne Dinge zu erledigen. Natürlich könnte man die einzelnen Eigenschaften einer Rolle zuordnen und somit  auch sagen, wer vielleicht mehr weibliche oder männliche Züge aufzeigt. Aber was würde das verändern?

Und Lukas? Der hat sich in allen Bereichen einfach denjenigen rausgesucht, der für ihn besser passt. Er denkt nicht über Rollenverteilung nach, er fühlt einfach nur und macht. Er nennt uns Papa und Papi und stellt bisher auch noch nicht in Frage, warum es bei uns eigentlich keine Mama gibt.

Fehlt unserer Familie etwas?

Natürlich kann man nun darüber streiten, ob uns in der Familie etwas fehlt, ob wir vielleicht etwas nicht leisten können. Eine Behauptung, die wir öfter hören. In unserem Fall stellen wir immer die Gegenfrage, was Lukas Alternative gewesen wäre. Lukas ist ein Pflegekind und es gibt viel zu wenige Menschen, die sich dieser Version des Kinderbekommens zuwenden. Pflegekinder, die nicht vermittelt werden können, landen meist in Kinderheimen.

Wir lieben den kleinen Kerl wie unser eigenes Kind und wir sind davon überzeugt, dass es Kindern, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, mindestens so gut geht wie in klassischen Familienmodellen. Völlig egal, ob es nun Pflege- oder Adoptivkinder, Kinder von Leihmüttern oder Patchworkkinder sind. Sie empfangen unendliche Liebe und ihnen ist es völlig egal, wer sie liebend und beschützend an die Hand nimmt.

Lukas tut dies. Mit seinen knapp drei Jahren nimmt er uns überall und immer an die Hand und sagt: „Papa, Papi, wir sind eine Familie!“

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