Verlustängste bei Kindern

Hat mein Kind Verlustängste?


Unser Sohn war zwei Jahre alt, als wir mit ihm unsere alte Heimat, seine Kita und Freunde in Berlin verließen und zu seinen Großeltern nach Bayern zogen. Nun steht wieder eine große Veränderung an: Nächsten Monat wandern wir zu dritt nach Südost-Asien aus. Auf so große Veränderungen reagieren manche Kinder mit Trennungs- bzw. Verlustangst. Das heißt, sie klammern sich extrem stark an die Mutter oder die engste Bezugsperson. Damit bei meinem Kind Verlustängste im Rahmen bleiben und nicht zu einer psychischen Störung werden, achte ich darauf, ihm gleichzeitig viel Nähe, Sicherheit und Stabilität zu geben.

Doch warum haben Kinder eigentlich Verlustängste und woran erkenne ich diese? Bis zu welchem Grad sind Verlustängste normal, ab wann sollte ich handeln, um eine krankhafte Ausprägung zu vermeiden? Welche körperlichen Anzeichen und Verhaltensveränderungen gibt es?

Was sind Verlustängste bei Kindern?

Trennungsangst als Lebensversicherung für Babys

Angst, auch die Trennungsangst bei Kindern, ist etwas ganz Normales und biologisch Sinnvolles. Diese Angst schützt Kinder davor, sich zu weit von den wachsamen Augen der Bezugsperson zu entfernen und sich in Gefahr zu bringen. Die Angst sichert quasi das Überleben. Erst, wenn Dein Kind Verlustängste in übertriebenem Maße zeigt, solltest Du genauer hinsehen. Von einer pathologischen Verlustangst beim Kind spricht man darum, wenn ein normales Zusammenleben und eine normale Entwicklung des Kindes beeinträchtigt sind. Das heißt, wenn die Angst zu groß wird, bringt sie Symptome und unangenehme Begleiterscheinungen für alle Beteiligten mit sich, die möglicherweise bis ins Erwachsenenalter anhalten.

Frühkindliche Trennungsangst: Die “Fremdelphase”

Kinder Spielplatz

Ein Baby erwirbt mit etwa 8-12 Monaten die sogenannte Objektpermanenz. Das heißt, es weiß, dass Gegenstände und Menschen auch weiter existieren, wenn es sie gerade nicht sehen kann. Gesunden Kindern hilft das, sich für eine kurze Zeitspanne auch von anderen Personen als Mutter oder Vater trösten und betreuen zu lassen, bis die Eltern zurückkommen. Allmählich wird dadurch die Trennungsangst, die für Babys völlig normal ist, weniger stark ausgeprägt. Eine krankhafte Trennungsangst bei Kindern ist nicht zu verwechseln mit der “Fremdelphase” im Baby- und Kleinkindalter. Dabei handelt es sich um eine ganz natürliche Entwicklung, in deren Verlauf ein Kind lernt, dass es auch getrennt von den Eltern existieren und anderen Bezugspersonen vertrauen kann. Diese frühkindliche Trennungsangst verschwindet normalerweise mit etwa 3 Jahren wieder.

Warum hat ein Kind Verlustängste?

Die Ursache übermäßiger Verlustangst bei Kindern liegt häufig in einem traumatischen Erlebnis oder der tatsächlichen Erfahrung, verlassen oder vernachlässigt zu werden. Wenn also ein Elternteil oder eine enge Bezugsperson stirbt, die Familie verlässt, oder sich emotional von einem Kind abwendet, kann das ein Trauma beim Kind auslösen und zu krankhaften Verlustängsten führen. Auch ein Umzug, also der Verlust des häuslichen Umfelds, kann zu Verlustängsten führen.

Während eine Ursache wie Scheidung der Eltern sehr einfach zu identifizieren ist, sind sich Eltern einer emotionalen Vernachlässigung ihres Kindes meist gar nicht bewusst. Durch psychologische Probleme wie Depression, Geburtstrauma oder andere Krankheitsbilder gelingt es dem Elternteil vielleicht nicht immer, verlässlich für das Kind zu sorgen. So kann auch schon ein kleines Baby die Erfahrung machen, dass seine Bedürfnisse nicht zuverlässig erfüllt werden.

Verlustängste bei Kindern: Symptome und Auswirkungen

Kinder, die Verlustängste haben, haben große Angst, ohne ihre Bezugsperson zu sein. Ihnen fehlt die Sicherheit, dass diese auch tatsächlich zurückkommen wird. Darum haben sie auch über das Babyalter hinaus weiterhin große Angst, allein gelassen zu werden.

Das offensichtlichste Signal, das sie dafür geben können, ist lautstarker Protest, der erst endet, wenn die Bezugsperson zurück ist – manchmal nicht einmal dann. Allerdings reagieren nicht alle Kinder auf diese Weise. Bei manchen äußern sich Trennungsängste auch, indem sie sehr zurückgezogen und abwesend auf ihr Umfeld reagieren, aggressiv oder trotzig gegenüber den Bezugspersonen werden.

Körperliche Symptome bei Verlustängsten reichen von Appetitlosigkeit und Bauchschmerzen, Reizhusten, schwacher Immunabwehr bis hin zum Bettnässen oder Sprachstörungen wie Stottern.

Wenn Kinder mit pathologischen Verlustängsten allein gelassen werden, kann das Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben. Bindungsprobleme, krankhafte Beziehungen und Freundschaften, psychischen Störungen wie Depressionen oder Zwangsstörungen können die Folge einer frühen Verlustangst sein.

Wie kann ich meinem Kind bei Verlustängsten helfen?

Doch wann muss ich als Elternteil eigentlich handeln, wenn mein Kind Verlustängste hat? Wie kann ich ihm helfen, wenn es extrem klammert oder angstbedingte Schlafstörungen hat? Grundsätzlich gilt: Verlustängste bei Kindern sollte man niemals ignorieren. Denn je früher ein Kind Hilfe bekommt, die Verlustangst überwinden und das fehlende Vertrauen in die Eltern wieder aufbauen kann, desto weniger gravierend sind die Auswirkungen auf sein späteres Leben.

Nicht immer steckt Trennungsangst dahinter

sexueller Missbrauch Kind Kleinkind

Wenn Du den Verdacht hast, dass Dein Kind Verlustsängste hat, solltest Du trotzdem nicht gleich überreagieren. Manchmal handelt es sich auch nur um eine kurze Entwicklungsphase, in der es die Bezugspersonen besonders dringend braucht. Auch ist es bei Babys ganz normal, dass sie sich nicht von ihrer Mutter oder ihrer engsten Bezugsperson lösen können. Von echter Verlustangst kann man daher frühestens bei Kleinkindern (ab 1 Jahr) sprechen.

Auch gibt es andere psychologische Besonderheiten bei Kindern, die in ihren Symptomen einer Trennungsangst ähneln können. So fällt es High Need Babys zum Beispiel auch im Kleinkindalter besonders schwer, sich von ihren Eltern zu lösen. Hochsensible Kinder nehmen sich viele Ereignisse stärker zu Herzen und reagieren möglicherweise ebenfalls mit Symptomen wie Bettnässen oder Bauchschmerzen. Auch ein sexueller Missbrauch bei Kindern führt zu einer starken Veränderung des kindlichen Verhaltens.

Darum ist es zunächst sinnvoll, dem Kind die gewünschte Nähe und Sicherheit zu geben und das Kind genauer zu beobachten. Nur so kannst Du herausfinden, was hinter dem Verhalten Deines Kindes stecken könnte. Nicht alle Verlustängste beim Kind müssen sofort von einem Therapeuten behandelt werden. Je nach Ausprägung hilft es manchmal schon, die Verlustängste früh zu bekämpfen oder zu vermeiden, indem Du Dir Zeit nimmst und das fehlende Vertrauen wieder aufbaust (Tipps dazu im Kasten unten). Wenn die Symptome auch nach einigen Wochen nicht nachlassen, sollte ein Kinder-Psychologe zu Rate gezogen werden.

Therapie gegen Verlustangst

Je kleiner ein Kind mit Trennungsangst ist, desto weniger direkt kann ein Therapeut helfen. Während er mit größeren Kindern schon sprechen kann und herausfinden, was genau sie bedrückt, geht es bei der Therapie von Kleinkindern vor allem um die Eltern. Das heißt, dass sie viel mit dem Therapeuten sprechen und gemeinsam analysieren, woher die Trennungsängste rühren. Nach Anleitung des Psychologen können die Eltern dann versuchen, dem Kind die nötige Sicherheit zurückzugeben. Und jene Situationen zu vermeiden, die dem Kind Angst machen.

Verlustängste beim Kind vermeiden oder lindern

Bisher scheint unser Sohn den ersten Umzug und die Umgebungsveränderung gut verkraftet zu haben. Vielleicht auch, weil ich durch mein Verhalten als Mutter versuche, ihm keinen Grund für Verlustängste zu geben. Dass er häufig nach mir verlangt, halte ich für ganz normal in seinem Alter.

Mit diesen Tipps kannst Du Deinem Kind helfen, sich normal und ohne Trennungsangst zu entwickeln

Verlustängste vermeiden
  • Nimm die Bedürfnisse Deines Babys immer ernst, erfülle die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme und Nähe möglichst zeitnah.
  • Nimm die Gefühle und Wünsche Deines Kleinkindes ernst – nicht ignorieren, ins Lächerliche ziehen oder gar bestrafen.
  • Bei offensichtlich schwierigen Situationen wie Scheidung der Eltern oder Tod eines Verwandten, tröste Dein Kind ausgiebig. Und suche gegebenenfalls auch professionelle Hilfe. lass Dein Kind mit so großen Veränderungen niemals allein.
  • Höre zu und sprich auch über eigene Gefühle.
  • Sei als Bezugsperson verlässlich und authentisch. Dein Kind braucht keine willkürlichen und unvorhersehbaren Bestrafungen. Dabei geht es nicht nur um Körperliche Strafen oder Verbote, sondern auch um Bestrafung durch Liebesentzug oder Ignorieren des Kindes.
  • Hege kindgerechte Erwartungen. Wenn ein Kind lange von der Mutter getrennt ist, ist es verständlich, dass es danach viel Nähe einfordert. Zum Beispiel, wenn es tagsüber in der Kinderkrippe betreut wird. Viele Kinder holen sich nachts die Nähe und wollen bei der Mutter schlafen. Oder tagsüber viel auf ihrem Schoß sitzen oder getragen werden. Das sind normale kindliche Verhaltensweisen und keine Störungen!
  • Höre lieber auf Dein Bauchgefühl als auf Meinungen und Ratschläge von außen. Wenn Dein Kind Dich braucht, sind Erziehungsmaßnahmen und Prinzipien fehl am Platz.
  • Gib Deinem Kind viel körperliche Nähe, nutze vielleicht auch nach der Babyzeit hin und wieder ein Tragetuch oder Tragehilfe. Kuschele viel mit ihm und lies viel vor.
  • Gib Deinem Kind von Anfang an möglichst viel Sicherheit und Struktur. Vermeide große Veränderungen, wenn das Kind psychisch nicht stabil ist oder erste Anzeichen von Trennungsängsten zeigt.
  • Nicht alle Kinder reagieren gleich sensibel auf traumatisierende Ereignisse. Der Unterschied liegt der psychologischen Forschung nach in der sogenannten Resilienz, der Widerstandskraft der Seele. Alles, was diese Wiederstandskraft fördert, kann Trennungsängste vermeiden. 

Foto: @dul_ny – Fotolia.com (1)

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Ein Kommentar zu Hat mein Kind Verlustängste?

  1. Hallo, ich habe ein echtes Problem! Vor eineinhalb Jahren, wollte mein Junior von jetzt auf gleich nicht mehr in die Kita gehen. Nur mit Geschrei und Gebrüll ging es in die Kita.
    Keiner konnte mir erzählen, was los war oder wollte es nicht!
    Anstatt auf mein Bauchgefühl zu hören und ihn aus der Kita zu nehmen, haben wir ihn drin gelassen. Wir müssen Beide arbeiten, um Lebensunterhalt und Schulden zu bezahlen.

    Damals war er 4, jetzt ist er 6 und kommt in die Schule! Die Trennungsangst wird immer schlimmer. Enno bleibt sehr ungern bei Freunden, weint wenn ich zur Arbeit gehe oder die große Schwester bei Freundinnen schläft. Früher traute er sich alles und heute traut er sich vieles nicht mehr.

    Bachblüten gebe ich ihm seit ein paar Tagen und weiß mir Keinen Rat mehr.

    Mit freundlichen Grüßen
    Bianca Mergard

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