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Schlechtes Gewissen von Müttern: Woher kommt und wie verschwindet es?


Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich zu wenig Zeit für meine Tochter habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich am Handy bin, während ich mit ihr spiele. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn es drei Tage hintereinander Pfannkuchen gibt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn sie Videos schaut, Schokolade isst oder sich abends einmal nicht die Zähne putzt. Mich beschleicht das Gefühl, eine Versagerin zu sein. Alle anderen Mütter machen ihren Job besser als ich. Und Du? Falls Du eine Mutter bist, bin ich mir relativ sicher, dass Du auch unter schlechtem Gewissen leidest.  

Das schlechte Gewissen psychologisch erklärt 

Hinter einem schlechten Gewissen steckt die Angst, aus der schützenden Gruppe ausgestoßen zu werden. Das behaupten zumindest Evolutionsbiologen. Früher war es für das Überleben bedeutsam, dass Menschen den Schutz anderer genossen. Wen die Gruppe ablehnte, der wurde ausgestoßen. Raubtiere und menschliche Räuber konnten den Vertriebenen leichter greifen.  

Hinter dem schlechten Gewissen können entweder Schuldgefühle oder Scham stecken. Laut Karen Kocherscheidt haben „Schuldgefühle einen konkreten Anlass, die Menschen haben etwas getan, was sie nicht tun wollten oder sollten, und wollen das möglichst schnell wiedergutmachen“. Die Psychotherapeutin vom Zentrum für psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg hat in der klinischen Emotionsforschung promoviert.  

Scham dagegen resultiert aus einem geringen Selbstwertgefühl. Das bedeutet, dass es bei einem Schuldgefühl einen konkreten Anlass gab, Scham dagegen eher ein grundlegendes Gefühl ohne konkreten Auslöser ist.  

Das finde ich spannend. Bei mir ist es oft so, dass sich an manchen Tagen einfach ein Gefühl des Versagens als Mama breitmacht. Ich kann dann zwar ein paar Dinge nennen, wegen derer ich ein schlechtes Gewissen habe, aber richtig greifbar ist das Gefühl eher nicht. Es ist sogar so, dass mich die gleichen Dinge an anderen Tagen gar nicht schlimm stören.   

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Schlechtes Gewissen aufgrund von geringerem Selbstwert 

Vermutet habe ich es ja schon, aber tatsächlich gibt es auch zahlreiche Studien, die belegen, dass Frauen – insbesondere in der westlichen Welt – einen geringeren Selbstwert haben als Männer. Scheinbar ist der Selbstwert von Frauen stärker der Umwelt abhängig. Interessant ist es auch, dass Frauen sich an der idealen Person orientieren, Männer dagegen an den tatsächlichen Mitbewerbern. Wir Frauen suchen uns also das perfekte Vorbild aus. Wenn wir dem nicht gerecht werden, nagen Zweifel an uns.  

Überlegen wir uns das Ganze mal nüchtern. Der Vergleich mit dem realen Umfeld ist tatsächlich entspannter, als wenn ich mir die Super-Power-Mama mit Modellkörper von Instagram heranziehe, oder? Meine Nachbarin ist nämlich ungefähr eine ähnlich gute Mutter wie ich. Sie macht zwar die wesentlich besseren Kuchen, dafür habe ich das ultimative Bastel-Gen.  

Aber, welche Frau will schon 08/15 sein? Deshalb streben wir wohl – trotz all des Wissens – lieber nach dem Ideal. Und weil wir der perfekten Scheinwelt nicht entsprechen können, jagt uns das schlechte Gewissen. Es bringt uns um den Schlaf. Treibt uns Tränen in die Augen. Die innere Kritikerin schimpft und zetert ununterbrochen. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass niemand so schlecht mit Dir redet, als Deine innere Stimme?  

Schlechtes Gewissen ist gesund 

Tatsächlich ist es völlig normal, dass Du und ich ein schlechtes Gewissen haben. Es gehört dazu, dass Menschen ihr Fehlverhalten erkennen und wir uns deshalb nicht besonders gut fühlen. Menschen, die keine Schuldgefühle besitzen, zählen zu den dissozialen Persönlichkeiten. Narzissten schieben ihr Versagen immer auf andere und können keine eigenen Fehler eingestehen. Psychopathen sind in der Lage andere Menschen schwer zu misshandeln oder zu töten und sich danach an den Frühstückstisch der Familien zu setzen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Weil in ihrer Psyche etwas nicht stimmt.  

Wenn wir Mamas ein schlechtes Gewissen haben, ist das bis zu einem bestimmten Grad völlig okay. Bedenklich ist es nur, wenn wir uns niedermachen, weil wir nicht perfekt sind. Menschen können nämlich überhaupt nicht perfekt sein. Wir sind nicht auf dieser Erde um alles richtig zu machen.  

Was kannst Du gegen Dein schlechtes Mama-Gewissen tun? 

Mir hilft es schon zu wissen, woher das schlechte Gewissen rührt. Nämlich, dass es eine Kombination aus falschen Vorbildern und geringem Selbstwert ist. Der Selbstwert nimmt übrigens bei beiden Geschlechtern im Laufe des Lebens zu. Damit sollte auch das schlechte Gewissen abnehmen. Dennoch wollen wir nicht warten, bis wir alt und grau werden, bis wir uns wieder besser fühlen. Deshalb gibt es hier einige konkrete Tipps, die uns direkt weiterhelfen.  

Qualität statt Quantität: Nimm Dir ernsthaft Zeit für die Kids 

Ich glaube, dass der Zeitfaktor uns am meisten belastet. Viele Mamas leiden darunter, dass sie gefühlt nicht genug Stunden am Tag mit ihrem Nachwuchs verbringen. Dabei ist die Anzahl an Stunden gar nicht ausschlaggebend. Eine US-Studie fand heraus, dass es viel wichtiger ist, die gemeinsame Zeit mit dem Nachwuchs fokussiert zu verbringen.  

Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Menge an gemeinsamer Zeit bei Kindern zwischen drei und elf Jahren überhaupt keine Rolle spielt. Es ist in Bezug auf die spätere Ausbildung, Karriere und psychische Verfassung komplett egal, wie viel Zeit Du mit Deinem Kind verbringst. Irgendwie ist das traurig, andererseits auch eine Erleichterung.  

Was dagegen schon einen Einfluss auf die Entwicklung des Nachwuchses hat, ist die Art und Weise, wie Du die Zeit mit ihm verbringst. Wir sollten in der Eltern-Kind-Zeit unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Kleinen richten. Das ist leichter gesagt als getan. Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Puppenspielen schnell das Handy checke oder auf dem Spielplatz die To-do-Listen durchgehe.  

Dafür habe ich jetzt keine Telefonkarte mehr und somit keinen Internetzugang außer Haus. Das ist tatsächlich eine super Entspannung für meine Tochter und mich. Wenn wir unterwegs sind, dann bekomme ich keine Nachrichten, die Stress verursachen. Ich habe in den ganzen Monaten ohne Außer-Haus-Internet noch nie etwas Wichtiges verpasst. Ehrlich. Du brauchst jetzt nicht direkt deinen Handyvertrag kündigen. Aber schalte Störfaktoren aus, für eine kurze aber intensive Zeit mit Deinem Kind.  

Guter Abschluss des Tages 

Egal, wie die Zeit vom Aufstehen bis kurz vorm Bettgehen gelaufen ist, versuche die letzten Minuten angenehm zu gestalten. Erzählt Euch vielleicht, was heute schön war oder wofür ihr dankbar seid. Ich mag Ehrlichkeit im Umgang mit meiner Tochter. Falls ich tagsüber viel gemeckert habe oder mal laut geworden bin, dann erkläre ich abends gerne, warum das passiert ist. Ich möchte ihr damit versichern, dass sie keine Schuld daran trägt. In aller Regel sind es nämlich nicht die Kinder, die Stress verursachen, sondern alle anderen Verantwortungen. Wir lassen unsere Überlastung nur schnell an den Schwächsten aus. Ja, ich weiß. Das klingt jetzt nach Schuldgefühlen.  

Wenn Ihr einen guten Ausklang für den Tag findet, weckt Dich Dein schlechtes Gewissen nachts bestimmt wesentlich seltener auf.  

Achte auf Dich – und Deinen Zyklus 

Selbstfürsorge ist für uns Mütter eine der wichtigsten Pflichten. Bist Du ausgeglichen und glücklich, werden Dich perfekte Vorbilder nicht herunterziehen. Dein Selbstwert ist höher. Das schlechte Gewissen hat kaum eine Chance. Schaufel Dir Zeit für Dinge, die Du gerne tust. Hier noch einmal eine Erinnerung, dass es keine Rolle spielt, wie viel Zeit Du mit Deinem Kind verbringst. Du kannst Dir also ruhig 30 oder 60 für Dich nehmen und machen, was Dir gefällt. Ich habe in letzter Zeit meine Leidenschaft für Podcasts entdeckt. Dabei reizen mich vor allem Themen zur Weiblichkeit (Zyklusliebe ist gerade mein Lieblings-Podcast).  

Bei der Selbstbeobachtung ist mir nun aufgefallen, dass ich kurz vor meiner Periode immer ein extrem schlechtes Gewissen mit mir herumtrage. Meine innere Stimme macht mich in diesem Zeitraum besonders fertig, wenn ich in den Wochen vorher nicht genug auf mich aufgepasst habe. Ich glaube, dass wir im Kampf gegen unser schlechtes Mütter-Gewissen auch auf unsere zyklischen Schwankungen achten und eingehen sollten. Dazu noch täglich eine kleine Auszeit und das Leben sieht direkt etwas rosaroter aus.  

Fazit: Wir machen das gut! 

Ohne Dich zu kennen – Du bist bestimmt eine gute Mutter. Du stehst (fast) jeden Tag auf, sorgst dafür, dass Deine Kinder zu Essen und Trinken haben. Sie können ruhig schlafen und haben ein Dach über dem Kopf. Du liebst Deinen Nachwuchs – mal mehr und mal weniger. Du hast Dein Baby viele Wochen im Bauch gehabt, bist unzählige Nächte aufgestanden, hast es bis zur Erschöpfung getragen, gestillt und gewickelt. Es ist okay, wenn es Dir einmal reicht. Es ist okay, wenn Du die Kids mal vor dem Fernseher parkst – auch zweimal. Mach Dich deshalb nicht fertig, sondern feiere Dich für die vielen kleinen Dinge, die Du jeden Tag für Deine Mitmenschen machst. Ach ja, und lass uns realistische Vorbilder suchen, das macht das Leben leichter.  

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2 Kommentare zu “Schlechtes Gewissen von Müttern: Woher kommt und wie verschwindet es?

  1. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil ich die Sorge habe, meine beiden Töchter nicht gleich zu behandeln. Dabei liebe ich doch beide gleich stark. Sie sind einfach unterschiedlich und brauchen Verschiedenes. Ich denke, realistisch betrachtet, dass das ok ist. Aber trotzdem denke ich oft, besonders abends, dass ich etwas falsch gemacht habe. Vielen Dank für den Artikel!

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