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Studien zeigen: Kinder sollen im Buggy rückwärts fahren

Von vielen Experten wird das Tragen von Babys mit Blick nach vorne seit langem kritisch gesehen: Die Problematik der Reizüberflutung und dem fehlendem Blickkontakt zu den Eltern ist eines der Hauptargumente. Bei Buggys wurde der Unterschied in der Blickrichtung erst 2008 in einer Studie erstmalig untersucht. Das Ergebnis weist darauf hin, dass Kinder in vorwärtsgerichteten Buggys isolierter und emotional vereinsamter sind, als Eltern das bewusst ist. Das könnte der Entwicklung langfristig schaden.

Die Blickrichtung im Buggy macht einen Unterschied

2008 wurde an der britischen Universität Dundee unter der Leitung von Dr. M. Suzanne Zeedyk eine Studie mit dem Titel “What’s life in a baby buggy like?: The impact of buggy orientation on parent-infant interaction and infant stress” (dt. in etwa “Wie ist das Leben in einem Kinderwagen? Die Auswirkungen der Blickrichtung im Buggy auf die Interaktion zwischen Eltern und Kind und das kindliche Stresslevel”). Ziel der Studie ist es also, zu untersuchen, ob die Blickrichtung des Buggys Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen Eltern und Babys sowie den Stresspegel der Kinder hat.

Dazu wurde zunächst eine empirische Beobachtungsstudie mit 2722 beobachteten Eltern-Kind-Paaren an Hauptstraßen in 54 Orten in Großbritannien durchgeführt. Um auszuschließen, dass die dabei beobachteten Verhaltensweisen von Gewohnheiten und Vorlieben der Eltern abhängig waren, wurden in einem Experiment 20 Eltern-Kind-Paare beobachtet, die abwechselnd in vorwärts- und rückwärtsgerichteten Buggys spazieren gingen.

Die Ergebnisse der Studie lassen sich so zusammenfassen:

  • Die meisten Babys und Kleinkinder (62%) werden in von den Eltern abgewandten Buggys transportiert, nur 13% in zugewandten. 21% Kinder liefen selbst und nur 4% wurden getragen.
  • Wenn Kinder in den Eltern zugewandten Buggys fahren, findet mehr Kommunikation statt, Eltern und Kind lachen häufiger. Die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen, ist mehr als doppelt so hoch (11% – 22%).
  • Am meisten sprachen Eltern mit ihren Kindern, wenn diese getragen wurden (46%) oder selbst liefen (47%).
  • Kinder sprechen / brabbeln mehr, wenn ihre Eltern auch sprechen und schweigen, wenn diese still sind. Die Übereinstimmung liegt bei 70%.
  • Kinder in zugewandten Buggys hören abwechslungsreichere und interessantere Sprache von ihren Bezugspersonen.
  • Die Herzfrequenz sinkt leicht, wenn Kinder ihre Eltern im Buggy sehen können. Das deutet auf ein reduziertes Stresslevel hin, genauso wie die Tatsache, dass sie häufiger schlafen.
  • 52% der Kinder in zugewandten Buggys schliefen, während es in abgewandten nur halb so viele (27%) waren.

Kurz gesagt profitieren Kinder also deutlich von einer Fahrweise der Buggys, bei denen sie mit ihren Bezugspersonen Blickkontakt halten können. Ob eine nach vorne gerichtete Fahrweise nachhaltigen Schaden zufügt, konnte in der Studie nicht abschließend geklärt werden, auch wenn die Ergebnisse einen solchen Schluss nahe legen.

2013 wurde in Auckland, Neuseeland, unter der Leitung von Dr. Ken Blaiklock eine ähnliche Untersuchung durchgeführt. Hier wurden insgesamt fast 900 Eltern-Kind-Paare beobachtet. Weil in der belebten Umgebung von Einkaufszentren insgesamt kaum Kommunikation stattfand und die meisten Buggys mit Blick nach vorne fuhren, sind die Ergebnisse weniger aussagekräftig. Die Tendenzen jedoch sind dieselben:

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder einschlafen, ist höher, wenn sie im Buggy die Eltern sehen können. Es kann dehalb angenommen werden, dass sie unter weniger Stress leiden.
  • Die Kommunikationsrate ist deutlich höher, wenn Kinder und Eltern Blickkontakt halten können – wenn sie also im Buggy gegen die Fahrtrichtung oder im Einkaufswagen sitzen, getragen werden oder selbst laufen.
  • Ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge scheint in der Gesellschaft kaum vorhanden zu sein.

Warum ist Kommunikation so wichtig?

Zahlreiche Nachweise aus der Psychologie, Medizin und den Erziehungswissenschaften zeigen, dass Interaktion und Kommunikation – egal ob verbal oder non-verbal – langfristige und positive Auswirkungen auf die neuronalen, psychischen und physischen Entwicklungsprozesse eines Kindes haben.

Ein positiver Gesichtsausdruck der Eltern ist für Kinder ein wichtiger Schlüsselreiz für die Bildung von Synapsen im Gehirn und die soziale Entwicklung. Denn während Kinder zwar neugierig die Reize ihrer Umgebung aufsaugen, sind sie in den meisten Fällen noch nicht fähig, diese richtig einzuordnen und ihre Gefühlswelt zu regulieren. Dazu sind sie auf die Interaktion mit ihren Bezugspersonen angewiesen.

Für die sprachliche Entwicklung eines Kindes ist die Qualität und Quantität der Kommunikation mit anderen ausschlaggebend. Das haben Forschungen in der Sprachwissenschaft wiederholt ergeben.

Warum sehen Kinder in den meisten Buggys nach vorne?

In vielen Kulturen werden Kinderwägen und Buggys gar nicht genutzt. Auch in Europa sind sie erst seit dem vorigen Jahrhundert Standard. Buggys waren ursprünglich so konstruiert, dass Eltern ihre Kinder sehen konnten. Erst allmählich verbreitete sich die Meinung, dass Kinder ab dem Laufalter mehr Eindrücke brauchen und deshalb mit dem Gesicht in Fahrtrichtung sitzen wollen. Angeblich würde die Entwicklung ihres Gehirns von den zusätzlichen Eindrücken profitieren. Deshalb wurden von Eltern vermehrt Buggys mit dieser Option angefragt.

Mit der technischen Möglichkeit und der Anforderung, Buggys kompakt falten und verstauen zu können, wurde von vielen Herstellern die Blickrichtung nach vorne festgelegt. Weil diese mittlerweile so verbreitet sind, kommen viele Eltern gar nicht auf die Idee, dass das ihren Kindern schaden könnte.

Doch tatsächlich brauchen Kinder zur Verarbeitung der Eindrücke, wie gesagt, den direkten Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Das kann in Form verbaler Kommunikation oder auch als Blickkontakt sein. Ein vorwärtgerichteter Buggy scheint laut Studien beides zu unterbinden.

Gibt es Buggys, die gegen die Fahrtrichtung sehen?

Auch wenn Kinder in den meisten Buggys derzeit nur nach vorne, von den Eltern weg sehen können, ist die Auswahl an Buggys, die in beide Richtungen fahren können, immer noch groß genug. Auch bei vielen Kombi-Kinderwägen lässt sich die Sitzeinheit in beide Seiten richten.

Quellen:

  • Zeedyk, M. S. (2008): What’s life in a baby buggy like? The impact of buggy orientation on parent-infant interaction and infant stress: National Literacy Trust, 11/2008.
  • Blaiklock, K.(2013): Talking With Children When Using Prams While Shopping. NZRECE Journal, 16.
  • Rowe, M.L. (2012): A longitudinal investigation of the role of quantity and quality of child-directed speech in vocabulary development. Child Development, 83.
  • Gerhardt, S. (2005): Why Love Matters: How Affection Shapes a Baby’s Brain. London: Routledge.

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