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High Need Baby: Wenn Dein Kind Dir alle Kräfte raubt

In letzter Zeit ist er scheinbar in aller Munde, der Begriff “High Need Baby”. Auf den ersten Blick wirkt es so, als handle es sich um eine Diagnose oder ein Krankheitsbild. Was aber tatsächlich hinter einem “High Need Baby” steckt und was diese Terminologie bewirken soll, erfährst Du in diesem Artikel.

Was ist ein High Need Baby?

Der Begriff “High Need Baby” geht unmittelbar auf den amerikanischen Kinderarzt und Autor William Sears zurück. Er machte mit seinem vierten von acht Kindern die Erfahrung, dass dieses um ein Vielfaches mehr Zuwendung benötigte als die älteren Geschwister. Während er vorher immer gedacht hatte, dass manche Eltern schlicht übertreiben oder unter genereller Überforderung litten, wurde ihm nun klar, dass nicht jedes Baby gleich anspruchsvoll ist, sondern es ein Spektrum gibt, an dem High Need Babys am oberen Ende angesiedelt sind. Das bedeutet nicht, dass nicht jedes andere Baby auch einige oder viele der folgenden Kriterien erfüllt. Jedes Baby ist hilflos und auf die Zuwendung und Unterstützung von Erwachsenen angewiesen. Wenn Du also bei vielen Punkten denkst, das trifft doch auf fast alle Babys zu — dann mag das durchaus richtig sein. Ein High Need Baby aber erfüllt alle der zwölf Kriterien von Dr. Sears.

12 Kiterien für ein High Need Baby nach Dr. Sears
  • “Intense”: Die Körpersprache eines Babys zeigt bereits seine innere Verfassung. Bei manchen Babys sind, wenn sie schreien, alle Muskeln im Körper angepannt, sodass sie sich förmlich nach oben biegen wie ein Bogen. Ihre Händchen sind zu Fäusten geballt und ihr Weinen ist sofort schrill und alarmierend. Sie verlangen nach unmittelbarer, intensiver Aufmerksamkeit.
  • “Hyperactive”: Sobald sie krabbeln oder sich sonstwie fortbewegen können, scheinen sie wie getrieben. Sie müssen sich förmlich bewegen, erkunden, aktiv sein. Das geht bei manchen Babys sogar so weit, dass sie nicht auf dem Arm gehalten werden wollen oder zu viel Körperkontakt meiden. Das kann das Stillen stark erschweren. Die meisten Babys beruhigen sich aber im Tragetuch oder in eine Decke gepuckt.
  • “Draining”: High Need Babys benötigen jedes Bisschen von Deiner Energie — und wollen dann mehr. Das tun sie nicht aus bösem Willen, sondern um sich sicher und geborgen zu fühlen und sich richtig entwickeln zu können.
  • “Feeds frequently”: Ein High Need Baby stillt sehr häufig bzw. verlangt nach der Flasche. Die (Mutter)Milch ist für das Baby nicht nur Nahrungsquelle, sondern auch Beruhigung und Trost. In unserer Kultur wird so häufiges Füttern oder Stillen meist als negativ angesehen, in anderen Kulturen ist es ganz selbstverständlich.
  • “Demanding”: Es gibt Babys, die fragen nicht langsam und zögerlich, sondern “fordern” regelrecht mit ihrem Weinen. Wenn sie nicht unmittelbar bekommen, wonach sie verlangen, folgt bitterlicher Protest. In einer Kultur, in der viele Eltern denken, die Kontrolle über ihre Kinder haben zu müssen, kann das natürlich zu Konflikten führen.
  • “Awakens frequently”: Scheinbar brauchen High Need Babys nur von einem nicht mehr als andere: Schlaf. Leider lässt sich daran nicht viel ändern, außer eine möglichst schlaffördernde Umgebung zu schaffen.
  • “Unsatisfied”: Obwohl Eltern von High Need Babys vielleicht gefühlt nichts anderes tun als ihr Kind zu tragen, zu beruhigen, zu füttern und alles zu geben, sind die Babys häufig unzufrieden. Das mag sich wie ein Versagen der Eltern anfühlen, letztendlich gehört es aber einfach zum Charakter mancher Kinder. Und mit der Zeit wird das Baby — genauso wie die Eltern — lernen, besser damit umzugehen.
  • “Unpredictable”: Babys können wirklich unberechenbar sein. Was im einen Moment super funktionierte, kann am nächsten Tag als Beschäftigung oder Beruhigung völlig wirkungslos sein. Mal sind sie super gelaunt, im nächsten Moment unausstehlich.
  • “Super-sensitive”: High Need Babys reagieren auf Veränderungen ihres gewohnten Umfelds sehr sensibel. Sie bestehen auf ihre Routine, sind schnell überreizt und überfordert.
  • “Can’t put baby down”: Babys sind naturgemäß am liebsten auf dem Arm einer Bezugsperson. Für High Need Babys gilt das uneingeschränkt, manche lassen sich keine zwei Minuten irgendwo ablegen.
  • “Not a self-soother”: Manche Babys können sich mit einem Kuscheltier, einer Spieluhr oder einem Mobile beruhigen und selbst beschäftigen. Für High Need Babys kommt das nicht in Frage. Sie brauchen menschliche Zuwendung und echten Kontakt, um sich zu beruhigen.
  • “Separation sensitive”: Ein High Need Baby akzeptiert genau eine Bezugsperson: Die Mutter. Einen Ersatz dafür zu finden, fällt ihm extrem schwer.

Warum genau ein Baby ein “High Need Kind” ist, weiß man bisher nicht sicher. Ich persönlich würde sagen, das hat einfach mit dem individuellen Charakter und dem inneren Bauplan des Kindes zu tun. Ich habe aber auch Meinungen gefunden, die “schwere Geburtserfahrungen als Auslöser einer frühkindlichen Regulationsstörung durch die verzögerte Reifung des zentralen Nervensystems ” sehen. Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten stehen im Gespräch, die Verhaltensweisen von Babys dementsprechend zu beeinflussen.

Ein High Need Baby ist nicht krank!

Jetzt fragst Du Dich vielleicht, wie genau man das messen soll. Ist Dein Baby ein High Need Baby, wenn es manchmal alle Kriterien erfüllt? Was, wenn nur elf davon definitiv zutreffen? Wann kann man ein Baby als High Need bezeichnen und wann nicht? Die gute Nachricht ist: Das ist völlig unwichtig! “High Need Baby” ist keine Krankheit, sondern eine Ausdruckshilfe. Sie soll eines ganz klar verdeutlichen: Wenn Eltern von ihrem Baby so viel mehr angestrengt sind, als andere, dann hat das häufig nichts mit den Eltern zu tun. Wer ein sehr bedürfnisstarkes Baby hat, darf sich aber trotzdem oft den (unterschwelligen) Vorwurf gefallen lassen, dass das an der eigenen Unfähigkeit oder sogar an mangelnder Erziehung (!) liege. Dass das absoluter Quatsch ist, können viele leider erst sehen, wenn sie selbst ein High Need Baby haben — viele also nie.

Mit den zwölf Kriterien und der Begrifflichkeit wollte William Sears Eltern von Babys mit hohem Bedarf eine Argumentationsgrundlage anbieten, diese Sachverhalte jemandem zu erklären, der ein weniger schwieriges Kind hat. Er möchte damit kein Stigma schaffen oder gar ein Krankheitsbild, sondern eine einheitliche Bezeichnung. Diese soll das Verständnis unter Eltern und die gegenseitige Unterstützung fördern.

Ich habe ein High Need Baby – was hilft?

Ein Baby ist, wie es ist. Erziehung im Sinne der aktiven Formung im Säuglingsalter ist nicht nur meist recht uneffektiv, sondern kann auch langfristig Schaden anrichten. Wenn ein Baby zum Beispiel nicht alleine einschlafen kann, kann man es einem Schlaftraining unterziehen. Danach schläft es womöglich problemlos alleine ein, hat aber wiederholt echte Todesangst druchlebt, die seinen Charakter ein Leben lang prägt. Anstatt zu versuchen, ein “einfacheres” Baby zu erzwingen, macht es mehr Sinn, sich mit der Situation anzufreunden und das Beste daraus zu machen.

Tipps für den richtigen Umgang mit High Need Babys:
  • Wenn möglich, stille Dein Baby nach Bedarf.
  • Nutze häufig ein Tragetuch oder eine Babytrage.
  • Richte vorübergehend Deinen Alltag nach dem Baby aus und verlange nicht von Deinem Baby, sich nach Deinem Alltag zu richten.
  • Schaffe kleine Routinen im Alltag, z.B. beim Aufstehen oder zum Einschlafen.
  • Du kannst versuchen, feste Schlafenszeiten anzustreben, rechne aber jederzeit damit, dass Dein Baby zu anderen Zeiten schlafen muss.
  • Suche Gleichgesinnte. Wenn Du Dich mit Eltern umgibst, die Deine Situation nicht verstehen können, macht Dich das vielleicht wütend — weil Du denkst, Dein Baby “funktioniert” nicht so gut wie andere.
  • Hole Dir Unterstützung von Deinem Partner oder Verwandten / Freunden. Auch wenn sie Dir mit dem Baby selbst vielleicht nicht viel helfen können, können sie Dich im restlichen Alltag unterstützen oder einfach mal zuhören.
  • Unternimm viele Spaziergänge in der freien Natur. Dort wird Dein Baby wahrscheinlich ruhig sein und Du hast nicht das Gefühl, Dir fällt die Decke auf den Kopf.
  • Mach Dir klar, dass Euer Problem nur eine Phase in Eurem Lebens ist. Eine Phase, die vorbei geht. Je mehr Du jetzt in die gesunde Entwicklung Deines Babys investierst, desto weniger Schwierigkeiten werdet ihr hoffentlich später haben.
  • Vergleiche Dein Baby nicht mit anderen und erwarte nicht, dass es alles genau so macht, wie es im Buch steht.
  • Nimm Dir Sprüche und gut gemeinte Ratschläge anderer nicht zu Herzen. Sie meinen das nicht böse und haben nicht dieselbe Erfahrung wie Du.

Auch ich selbst hatte ein Baby, das die meisten der oben genannten Kriterien erfüllte, also insgesamt recht bedürfnisstark war. Mit den oben genannten Tipps gelang es mir trotzdem, die meiste Zeit ein sehr zufriedenes Baby zu haben. Ich weiß also, wie anstrengend es sein kann, so viel zu geben. Mir half es immer sehr, Erfahrungsberichte von Müttern mit bedürfnisstarken Kindern zu lesen.

Hast Du auch Erfahrungen mit einem High Need Baby? Welche Tipps haben Dir geholfen? Wir freuen uns über Deinen Kommentar!

Bildnachweis: @alfa27 – Fotolia.com.

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