50 Wochen Schub

Und plötzlich ist er ein Kleinkind


Vor kurzem haben wir den ersten Geburtstag unseres Babys gefeiert. Offiziell ist er damit kein Baby mehr, sondern ein Kleinkind. Bisher war das für mich reine Definitionssache. Doch dann hat sich das tatsächlich bewahrheitet. Kurz nach seinem ersten Geburtstag hat er einen wahnsinnigen Entwicklungssprung gemacht. Leider ist dieser, wie alle diese berüchtigten “Sprünge”, auch mit einigen Nebenwirkungen verbunden.

Entwicklungssprung bei Einjährigen

Nach van de Rijt (“Oje, ich wachse”) beginnt um die 50. Lebenswoche ein Entwicklungssprung bei Kindern, der ca. in der 55. Woche seinen Höhepunkt erreicht. Ich wusste das nicht, als ich mich in genau dieser Woche mit meinem Sohn auf den Weg nach Bayern machte. Eine 8-stündige Zugfahrt zu meinen Eltern und das ganz ohne seinen Papa. Ich war der Meinung, dass das richtig schön werden würde, immerhin war er die letzten Wochen total friedlich gewesen. Doch die Nacht vorher schlief er extrem unruhig und sowohl er als auch ich waren müde.

Wutanfälle

Im Zug entfaltete das Drama dann seine ganze Bandbreite: In regelmäßigen Abständen wurde er nörgelig, schließlich richtig unangenehm und ließ sich durch nichts beruhigen. Die Brust wollte er nicht und wenn ich versuchte, ihn hochzunehmen, bog er sich nach hinten durch und weinte. Also steckte ich ihn in die Trage, dem üblicherweise bevorzugten Ort, um unterwegs einzuschlafen, in der Meinung, er sei müde. Doch da drehte er erst richtig auf. Er wand sich und schrie, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Ganz ehrlich: Ich erkannte mein Kind nicht wieder, ich war ratlos.

Essensverweigerung

Hatte er die letzten Tage schon recht wenig gegessen, verweigerte er festes Essen in den folgenden Tagen fast komplett. Dafür wollte er an die Brust, und zwar ziemlich häufig. Nachts etwa alle 2 Stunden, tagsüber manchmal noch häufiger. Wann immer er sich aufregte oder müde war, wollte er sofort trinken. Weil man mit einem Einjährigen mittlerweile schon als Langzeitstillende gilt, hat mir das selbst in der Verwandschaft manch schiefen Blick eingebracht.

Fremdeln

Mein Kind hatte das komplette erste Jahr nur ein einziges Mal vor jemanden Angst. Und das war ein Onkel, den ich selbst nicht besonders mag und der mir als Kind auch richtig suspekt war. Abgesehen von ihm durfte ihn immer jeder hochnehmen und er war zufrieden. Nur zu den Mahlzeiten wollte er, verständlicherweise, seine Mama. So furchtlos und vertrauensvoll hatten ihn auch meine Eltern in Erinnerung und sie freuten sich auf ihren Enkelsohn. Leider war er dieses Mal extrem zurückhaltend und wollte am liebsten nur auf meinem Arm getragen werden.

Angst

Auch sonst war das Baby, das ich kannte, völlig furchtlos. Seit er krabbeln bzw. laufen konnte, erkundete er die Welt ohne einen Blick zurück. Dass seine Mama auf ihn aufpasst, schien für ihn so selbstverständlich, dass er meine Anwesenheit nicht überprüfen musste. Tiere, Menschen, Autos, Maschinen, große Gegenstände, Wasser, Lichter, ganz egal. Nichts konnte ihm Angst machen. Auch das hat sich geändert. Auf unserer Reise zum Beispiel hatte er panische Angst vor den Zugtoiletten. Wenn ich ihn mitgenommen habe, hat er danach mindestens 5 Minuten wie am Spieß gebrüllt.

Schlafstörungen

Die Nächte brachten mich wirklich zur Verzweiflung. Hatte er vorher phasenweise schon wirklich gut und lang geschlafen, wachte er jetzt plötzlich wieder jede Stunde oder häufiger auf – um dann teilweise bis zu 2 Stunden wach zu liegen, sich zu wälzen, zu weinen, wieder fast einzuschlafen und dann das Ganze wieder von vorne. Und immer wenn er aufwachte, musste die Brust her. Nichts anderes. Alle Techniken, die bis dato erfolgreich gewesen waren, damit er ohne Brust wieder einschläft, waren wirkungslos. Nein, sie führten im Gegenteil zu einem Ausbruch nächtlicher Wut und verlängerten die Phase, in der er trinken musste, entsprechend.

Die neuen Fähigkeiten

Nach van de Rijt lernt das Kind in dieser Zeit, eine Kette von eigenen oder fremden Handlungen als kompletten Vorgang anzusehen. Es möchte diese Vorgänge, die es beobachtet, selbst ausprobieren, üben und abwandeln. Dazu gehört es auch, dass die Reihenfolge variiert wird – was bis zu einem gewissen Grad ja auch möglich ist, aber eben nicht bei allen Schritten.

So konnte ich meinen Sohn in den letzten Tagen bei meinen Eltern beobachten, wie er versuchte, Blumen zu gießen, zu telefonieren, ins Auto zu steigen, die Hühner zu füttern usw. Belohnt für den ganzen Stress wird man mit einem Kind mit ganz neuen mentalen Fähigkeiten. Man hat das Gefühl, dass er jetzt wirklich aktiv am Familienleben teilnimmt, so viel mehr versteht und aktiver spielt. Auch erinnert er sich viel länger an Dinge, die er getan hat. Zum Beispiel hat er einmal einen Schläger in einer Schublade versteckt. Etwa eine Stunde später ist er gezielt dorthin und hat den Schläger wieder herausgeholt. Alle anderen Gegenstände in der Schublade haben ihn komplett kalt gelassen.

Er versteht, was ich ihm sage. Zum Beispiel, wenn er etwas nicht darf. Er weiß, dass er nicht alleine die Treppe hoch darf. Also stellt er sich unten hin und ruft nach uns. Wenn jemand kommt und sagt “Ja, geh los, ich bin da”, krabbelt er hoch. Wenn jemand kommt und sagt “Nein, da oben schläft jetzt jemand”, bekommt er einen Wutanfall – aber er krabbelt nicht nach oben. Er reicht mir Dinge, wenn ich ihn darum bitte, fordert mich auf, das Wasser aufzufüllen oder ihm die Schuhe anzuziehen.

Auch Personen erkennt er wieder und reagiert entsprechend. Wenn meine Eltern von der Arbeit nach Hause kamen, ist er ihnen teilweise entgegengelaufen und wollte sie umarmen. Als ich mich von meinem Bruder verabschiedet und ihn dabei umarmt habe, ist er ihm nachgelaufen und hat ihn ebenfalls umarmt.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele aufzählen. Die Quintessenz für mich ist: Er hat einen wahnsinnigen Sprung gemacht und ich bin als Mama so stolz auf alles, was er jetzt kann. Auch wenn die Wutanfälle und der schwierige Schlaf noch nicht ganz vorbei sind, macht es so trotzdem nochmal etwas mehr Spaß, den Tag mit ihm zu verbringen.

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