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Was spricht gegen die Lungenreifespritze?


Wenn Du diesen Text liest, dann hat das vermutlich einen Grund. Du bist schwanger – oder jemand, den Du kennst – und Ärzte wollen Dir die Lungenreifespritze fürs Baby verabreichen? Ich war vor über einem Jahr in derselben Situation und habe nach gründlicher Recherche das Medikament verweigert. Was genau die Lungenreifespritze bewirkt, was Du für Deine Entscheidung darüber wissen solltest und wie es bei mir weiter ging, erfährst Du hier.

Was ist die Lungenreifespritze?

Die sogenannte Lungenreifespritze (kurz Lungenreife) enthält Glucocorticoide (Cortisol) und Schilddrüsenhormone, die beim Fötus im Bauch einer Frau die Reifung der Lunge beschleunigen.

Dieses Medikament wird der Mutter verabreicht, wenn eine Frühgeburt droht. Denn eine reife Lunge hat großen Einfluss auf die Chance, ohne Folgeschäden ins Leben zu starten. Denn Neugeborene, deren Lunge nicht richtig funktioniert, leiden unter dem sogeannten Atemnotsyndrom und müssen intensivmedizinisch behandelt werden. In westlichen Ländern sind die Überlebenschancen heute sehr hoch, allerdings können Folgeschäden entstehen.

Auch das Risiko für Gehirnblutungen und Darmfunktionsstörungen wird durch die Lungenreifespritze gesenkt.

Eine Zusammenfassung von 30 Studien mit mehr als 8000 Frühgeborenen zeigt, dass die Verabreichung von Kortikosteroiden vor der Geburt mit einem geringeren Risiko für Folgeschäden einhergeht.

Ab wann gibt man die Lungenreifespritze?

In aller Regel werden zwei Spritzen im Abstand von 24 Stunden verabreicht. Um richtig zu wirken, braucht das Medikament 24 Stunden. Nach etwa 7 Tagen lässt die Wirkung wieder nach. Eine “vorsorgliche” Gabe ohne dass eine Frühgeburt droht, gilt darum nicht als sinnvoll.

Eine künstliche Beschleunigung der natürlichen Entwicklung der Lunge macht auch nur dann Sinn, wenn das Baby im Bauch alt genug ist, um auch tatsächlich Lungenbläschen auszubilden. Das ist etwa ab der 26. Schwangerschaftswoche der Fall. Vor SSW 22+0 wird keine Lungenreifespritze verabreicht, denn die Lungen können noch keine Lungenbläschen ausbilden.

Bis wann gibt man die Lungenreife?

Meist macht die Gabe der Medikamente bis zur 33. Schwangerschaftswoche Sinn. Etwa ab der 35. SSW ist die Lunge der Babys in den allermeisten Fällen so weit entwickelt, dass sie mit geringer Hilfe selbst atmen können.

Die körpereigene Substanz Surfactant sorgt ab der 28. SSW für die Ausbildung der Lungenbläschen beim Baby. Diese benötigt ein Mensch, um Sauerstoff aus der Atemluft aufzunehmen.

Dieser Reifeprozess findet in den letzten Schwangerschaftswochen statt. Allerdings gibt es für die Reifung der Lungen keine Standardgeschwindigkeit, d.h. kein Arzt kann vorhersagen, ob bei Deinem Baby in einer bestimmten Woche die Lunge ausgereift ist, oder nicht. So gibt es auch Frühgeburten, die schon weit früher selbständig atmen können – und termingerecht geborene Babys, bei denen die Lunge noch Unterstützung im Krankenhaus benötigt.

Bei einer Frühgeburt ist die Gefahr natürlich viel höher, dass die Lunge noch unreif ist und das Baby nicht selbständig atmen kann.

Wann ist eine Lungenreifespritze sinnvoll?

Nun weißt Du also, was im Körper passiert, wenn Du Kortikosteroide verabreicht bekommst. Mir wurde die Gabe von Wehenhemmern und Lungenreife in der 31. Schwangerschaftswoche empfohlen, weil ich leichte bis mittelschwere Blutungen, vermutlich von der Plazenta, hatte. Denn meist wird dieses Medikament mit wehenhemmenden Mitteln kombiniert und in folgenden Fällen angewendet:

Die Lungenreife selbst hat für Mutter und Kind keine unmittelbaren Risiken und könnte darum auch ambulant verabreicht werden. Trotzdem sind die meisten Mütter wie ich dabei in stationärer Behandlung – wegen der Schwangerschaftskomplikationen wie vorzeitigen Wehen oder Blutungen. Wie lange man im Krankenhaus bleiben muss, hängt vom Verlauf dieser Komplikationen ab, nicht von der Lungenreifespritze.

Warum ich die Lungenreife abgelehnt habe

Bisher scheint die Lungenreifespritze ja eine ganz tolle Sache zu sein. Immerhin

  • erhöht sie die Überlebenschancen bei einer Frühgeburt
  • senkt sie das Risiko einer Atemnotserkrankung, die eine künstliche Beatmung notwendig macht
  • senkt sie das Risiko für Hirnblutungen bei Frühgeborenen
  • senkt sie das Risiko einer schweren Darmerkrankung

Trotzdem habe ich mir im Krankenhaus erst einmal Bedenkzeit erbeten, als mir mitgeteilt wurde, dass ich eine Lungenreifespritze erhalten soll. Immerhin hatte ich schon seit der 18. Schwangerschaftswoche mit Blutungen zu tun und eine Frühgeburt war bisher nie im Raum gestanden. Auch hatte ich keinerlei muttermundswirksame Wehen. Eine Verkürzung des Muttermunds war per Ultraschall ausgeschlossen worden. Die Ärzte vermuteten zwar, dass die Blutung von der Plazenta kommen würde, genau wusste es aber niemand. Auf Nachfrage, ob denn eine Frühgeburt drohe, sagte man mir, dass es bei Blutungen statistisch gesehen ein höheres Risiko für eine Frühgeburt gäbe – bei mir persönlich aber nichts festzustellen sei.

Risiken und Nachteile einer künstlichen Lungenreife

Ich machte mich also schlau und las verschiedene Quellen und Forschungsergebnisse. Dabei fand ich folgende Fakten:

  • Bei einmaliger Gabe scheint die Lungenreifespritze für Mutter und Baby in den ersten Lebensmonaten ohne gesundheitliche Folgen zu sein.
  • Die wiederholte Gabe, z.B. in einem 14-Tage-Rhythmus, ist umstritten, weil sie statistisch zu einem verringerten Geburtsgewicht führt. Einer aktuellen Untersuchung zufolge scheinen diese negativen Auswirkungen einer mehrfachen Verabreichung aber nicht von langer Dauer zu sein. Eine 2008 veröffentlichte Studie belegt aber, dass die es gegenüber Frühgeborenen mit Placebogabe keine Vorteile gab. Die regelmäßige Gabe wird darum nicht mehr empfohlen.
  • Das verabreichte Cortisol wirkt sich nicht nur auf den Reifeprozess der Lunge, sondern auf vielfältige Weise im Gehirn eines Fötus aus. Es gibt darum schon lange die Vermutung, dass auch die Hirnreifung beschleunigt und bestimmte Funktionen langfristig beeinflusst werden. Eine erste Studie in diese Richtung bestätigt, dass die pränatale Behandlung mit Glukokortikoiden sich negativ auf die spätere psychische Gesundheit in der Kindheit und Jugend auswirkt. Auch von einem Zusammenhang zwischen Lungenreifespritze und ADHS ist hier die Rede. Diesen Zusammenhang scheint auch der Chefarzt in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, nicht zu bestreiten. Er formulierte das so: Natürlich habe die Lungenreifespritze möglicherweise Auswirkungen auf die spätere Lernfähigkeit. Aber “nicht jede 5 in Mathe kann man auf die Lungenreifespritze schieben”. Was ich da herausgehört habe: In manchen Fällen könnte es aber genau so sein.
  • Studien über die langfristigen Folgen von pränataler Gabe künstlicher Glukokortikoide gibt es bislang nicht.

In meinen Augen stellte sich die Situation also so dar:

  1. Es gab bei mir ein statistisch gesehen erhöhtes Risiko, dass mein Baby zu früh kommt. Gleichzeitig gab es bei mir konkret keinerlei Hinweise auf eine Frühgeburt.
  2. Meine erste Geburt zog sich nach Einsetzen der Wehen etwa 28 Stunden. Das reicht im Zweifel zur Verabreichung der Lungenreife.
  3. Die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland ist hervorragend und laut Chefarzt standen die Überlebenschancen meines Babys bei einer Frühgeburt nach der 31. Woche mehr als gut.
  4. Bei Zustimmung bestand die Möglichkeit, dass ich mich mein restliches Leben frage, ob ich meinem Baby unnötigerweise Schaden zugefügt habe.

Ich entschied mich, die Lungenreife erst einmal abzulehnen und nachzuholen, sollten tatsächlich geburtsrelevante Wehen einsetzen. Die Ärzte fanden das natürlich nicht richtig, ließen nach einer intensiven Beratung aber meine Entscheidung zu. Im Nachhinein wurde mir erklärt, dass dies nicht passiert wäre, hätte meinem Baby tatsächlich unmittelbar Gefahr gedroht. Dann hätte ich hier keinen Entscheidungsspielraum gehabt.

Fazit: Lungenreife ablehnen immer auf eigene Gefahr

Die Lungenreifespritze abzulehnen war gar nicht so einfach. Denn natürlich sah auch ich die Vorteile, die bei einer tatsächlichen Frühgeburt damit verbunden gewesen wäre. Mein Baby kam vermutlich in der 38. Schwangerschaftswoche (die genaue Berechnung war etwas schwammig) kerngesund als Hausgeburt zur Welt. Ohne künstliche gereifte Lunge. Sein Agpar-Wert lag bei 10/10 und er war körperlich voll ausgereift.

Ich bin im Nachhinein froh, die Lungenreifespritze und auch Wehenhemmer bei wiederholten Krankenhausaufenthalten, die der reinen Überwachung der Blutungen dienten, abgelehnt zu haben. Allerdings bin ich keine Medizinerin und würde auch niemandem pauschal dazu raten. Es gibt gute Gründe, diese Medikamente einzusetzen. Und während sich meine Entscheidung im Nachhinein als “richtig” bezeichnen ließe, hätte die Situation auch anders enden können. Als Elternteil hast Du die Verantwortung für Dein Kind, egal ob im Mutterleib oder danach. Diese Verantwortung beinhaltet auch, dass Du Entscheidungen treffen und die Konsequenzen dafür tragen musst. Das sollte Dir immer klar sein.

Unsere Texte zu Gesundheitsthemen ersetzen keinesfalls den Arztbesuch.
Mehr Infos dazu findest Du hier.

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