alleinerziehende mutter auswandern indien goa erfahrung

Auswandern mit Kind: alleinerziehend in Indien


Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.” (afrikanisches Sprichwort)

auswandern mit kind alleinerziehend indien goa

Dieses afrikanische Sprichwort beschreibt mein Leben und das Leben meines Sohnes perfekt. Im Juni 2016 wurde Theo in Goa, Indien geboren und von mir und meinem Dorf mit offenen Armen und Herzen empfangen. Ich möchte Dir gern ein bisschen erzählen, wie ich meine Schwangerschaft und Geburt in Indien erlebt habe und wie unser Alltag zu zweit aussieht.

Wie und wann ich nach Indien gekommen bin

Es fing alles mit dem Traum an während meines Studiums einen Freiwilligendienst zu machen. Als ich zurück nach Deutschland kam, war mir klar, dass ich hier nicht leben möchte, sondern es mich in die Ferne nach Indien zieht. Es gab keine Argumente, um dieses Gefühl zu beschreiben oder es meiner Familie zu erklären. Aber ich wusste, dass ich in Indien leben möchte. Ich machte noch meinen Bachelor und Masterabschluss in Deutschland, auch wenn es mich immer wieder für Praktika nach Indien und Sri Lanka zog. Ich arbeitete bei verschiedenen gemeinnützigen Organisationen und zu meinem Glück wurde mir im November 2012, direkt nach meinem Masterabschluss ein Job in Goa, Indien angeboten und natürlich sagte ich zu. Ich löste meine Wohnung auf und buchte ein One-Way Ticket nach Indien. In Goa organisierte ich kreative Workshops für benachteiligte Kinder in Schulen und Kinderheimen: Kunst, Theater und Musik. Bis heute einer der schönsten Jobs, die ich je gemacht habe. Diese Workshops habe ich auch nach Theos Geburt noch eine Weile bei verschiedenen Organisationen weiter gemacht. In dieser Zeit habe ich natürlich auch viele wundervolle Menschen kennengelernt, die mir heute so nah wie meine eigene Familie stehen. Anfang 2014 habe ich mich dann verliebt, leider ging die Beziehung 2015 in die Brüche.

Zwischen Segen und Katastrophe: Oh mein Gott, ich bin schwanger

2 Tage nachdem wir uns schmerzlich getrennt haben, fand ich heraus, dass ich schwanger bin. Da stand ich nun, frisch getrennt, traurig und überglücklich zugleich. Aber ich fragte mich, wie ich das alleine denn schaffen soll: emotional, aber auch finanziell. 

Die Trennung hatte mir wirklich schwer zu schaffen gemacht und ich war lange sehr traurig, aber ich wusste, ich muss für mein Baby stark sein. Die Reaktion des Vaters war alles andere als erfreut, und mir wurde schnell klar, dass ich das alleine schaffen muss. Bei dem Gedanken hatte ich allerdings die Rechnung ohne meine Freunde gemacht, denn alleine war ich nicht. Ich wurde bekocht und verwöhnt, sie hörten sich meine Sorgen und Ängste an und machten mir Mut, ja, sie fuhren sogar nachts los und kauften mir Eis. Meine Freunde halfen mir, die Babyausstattung zusammen zu bekommen und sogar meinen Umzug, als ich im 8. Monat schwanger war erledigten sie für mich. Sie begleiteten mich zu den Arztterminen und schmissen die tollste Babyparty. So verflog die Traurigkeit und ich wusste, dass ich, beziehungsweise wir hier genau richtig sind.

Was sagt die Familie

Als ich nach 3 Monaten meiner Familie über Skype erzählte, dass ich schwanger bin, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Anfangs war die Reaktion eher positiv, aber nur weil alle dachten, dass ich jetzt endlich zurück nach Deutschland komme. Als ich sie da allerdings enttäuschen musste, kam das nicht so gut an. Der Kontakt zu meiner Familie war während der Schwangerschaft eher schwierig, weil sie nicht verstehen konnten, dass ich lieber allein in Indien bleibe, anstatt zurück zu kommen. Ich habe natürlich abgewogen, mein Kind in Deutschland zu bekommen, aber der Hauptgrund es nicht zu tun war einfach: Ich wollte zu Hause sein und nicht im Gästezimmer meiner Eltern. 

Auch wenn die Beziehung zu meiner Familie während der Schwangerschaft etwas schwierig war, änderte sich das an dem Tag, an dem mein Sohn geboren wurde. Alle waren überglücklich und stolz und es wurden sogar mehrere Feste gefeiert. 

Trotz der Entfernung hat Theo ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Großeltern und dem Rest der Familie in Deutschland. Dank Videotelefonie sehen wir uns mehrmals die Woche und sind einmal im Jahr für mindestens 2 Monate in Deutschland.

Unser Dorf

Als der Tag von Theos Geburt immer näher kam, hatte ich auch immer mehr Angst, dass wir alleine im Krankenhaus sein werden. 2 meiner Freunde hatten sich zwar bereit erklärt mich ins Krankenhaus zu fahren, aber würden sie im Zweifelsfall wirklich so lange warten, denn schließlich haben sie ja auch ihre Arbeit und eigene Sachen zu tun. Nachdem Theo zu lange auf sich warten ließ und die Chancen für eine natürliche Geburt sanken, entschied ich mich bei der morgendlichen Kontrolluntersuchung, am Abend einen Kaiserschnitt durchführen zu lassen. Als die Schwestern mich fragten, welches Zimmer ich gern hätte, entschied ich mich für die günstigste Variante (da ich alles selbst bezahlen musste). Der Freund, der mich wie immer zu meinem Arztbesuch begleitet hatte, mahnte mich, ich solle doch das größere Zimmer nehmen, denn wo sollen denn sonst die ganzen Leuten sitzen. Ohne zu wissen, was das bedeutet, hörte ich auf ihn und fragte mich natürlich von welchen Leuten er redet. Ja, Indien ist anders, aber das hat da sicherlich auch noch keiner gesehen:

Mein ganzes Dorf war zu unserer Geburt gekommen. Als ich aus dem Kreissaal in das Zimmer gebracht wurde, war dieses geschmückt mit bunten Blumen und meine engsten Freunde waren da um Theo in der Familie Willkommen zu heißen. Für uns war das perfekt, ich hätte es mir nicht schöner vorstellen können. Zum Glück war ich an diesem Tag die einzige Patientin in der kleinen Geburtsklinik, denn die Willkommensfeier endete erst in der Nacht. Auch wenn Theo und ich alles verschlafen haben, möchte ich dieses Erlebnis nicht missen. Schon im Krankenhaus kamen von den Ärzten und Schwestern immer wieder Fragen zum Vater meines Sohnes und meinem Ehemann. Meine Antworten stießen dabei auf Unverständnis, denn schließlich müsse man doch verheiratet sein, um ein Kind zu bekommen.

Als wir ein paar Tage später aus dem Krankenhaus entlassen worden, war diese Angst wieder da. Wie soll ich das nur ganz allein zu Hause schaffen, zudem ich ja auch noch ein wenig Geld mit Online Recherchen und Texten verdienen musste, um uns über Wasser zu halten. Ich denke jede Mutter, ob alleinerziehend oder nicht, kennt diese Angst. Und wieder hatte ich so großes Glück, dass mein Dorf hinter mir stand. Eine meiner Freundinnen kam die ersten 6 Wochen jeden Tag mit ihrer Tochter und warmen Mittagessen vorbei. Ich wurde versorgt und hatte sogar hier und da Zeit für ein Nickerchen oder eine ausgiebige Dusche. Andere Freunde kamen regelmäßig mit Einkäufen oder zum Putzen vorbei, oder auch einfach nur um Zeit mit uns zu verbringen, mit Theo zu kuscheln, Geschichten zu erzählen oder uns beim Schlafen zuzuschauen. 

Die ersten Monate feierten wir jeden wöchentlichen Geburtstag zusammen, als ich Probleme mit dem Stillen hatte, standen mir die Mütter des Dorfes mit Rat und Tat zu Seite. Aber ich wurde auch aus der Ferne von meinen lieben Freunden unterstützt, wir bekamen Pakete aus der ganzen Welt und auch finanziell unterstützten uns meine Freunde, wo sie nur konnten. Ich weiß, dass ich wirklich großes Glück habe und bin einfach nur dankbar für so tolle Menschen in unserem Leben.

Unser Alltag 

Theo ist mittlerweile 4 Jahre alt und ich brauche als alleinerziehende Mutter immer noch die Unterstützung meines Dorfes. Ich halte uns finanziell mit Texterjobs über Wasser, aber nehme auch in Goa hier und da ein paar kleine Jobs, wie Kinderschminken an. Theo bleibt dann meistens bei meiner Freundin Anne und ihrer Tochter. Wir verbringen sehr viel Zeit mit den beiden, wir feiern Weihnachten zusammen und unterstützen uns gegenseitig wo wir nur können. 

Theo geht seit er 2 ist in die Kinderkrippe, die aber nur von 9 bis 12 ist. Unser Dorf ist so in den letzten Jahren auch noch um einiges gewachsen, vor allem um Familien mit Kindern. Eine Sache, die ich am Leben in Goa so liebe, ist die Freizeit und dass man so viele Möglichkeiten hat, diese mit anderen Familien und Menschen zu verbringen.

Ansonsten unterscheidet sich unser Alltag nicht sehr viel von dem Alltag einer Mutti mit Kind in Deutschland. 

Was mich die ersten Jahre am meisten belastet hat, waren die immer wieder auftretenden Fragen nach Theos Vater und meinem Ehemann und das Unverständnis, als Reaktion. Der Vater, und später der Ehemann sind in Indien von großer Bedeutung. Jedes legale Dokument eines Kindes, und auch das einer Frau hat einen Vermerk zu dem Vater beziehungsweise dem Ehemann. Dementsprechend muss ich immer wieder die selben Fragen beantworten und bekomme immer wieder die gleichen, abwertenden Reaktionen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und es ist an den meisten Tagen auch okay für mich. An anderen Tagen möchte ich mich immernoch einfach verkriechen.

Natürlich belastet es mich auch oft, dass ich alle Entscheidungen alleine treffen muss, mein Kopf 24 Stunden am Tag damit beschäftigt ist zu planen und zu rechnen. Aber auch hier kann ich voll und ganz auf meine Freunde und Familie vertrauen. Unser Dorf ist ein bunt gemixter “Haufen”, der mir immer zur Seite steht und mir Entscheidungshilfen bietet, oder Entscheidungen abnimmt, wenn ich das möchte.

Im Dezember 2019 sind wir mit einem befreundeten Pärchen zusammen in ein Haus gezogen. Das ist wirklich großartig, da Theo jetzt noch zwei direkte Bezugspersonen mehr hat. Auch wenn die beiden natürlich einfach ihre Tür zu machen, wenn es ihnen zu viel wird, stehen sie mir, auch in Erziehungsfragen mir Rat und Tat zur Seite. Sie nehmen mich in den Arm, wenn ich überfordert bin und feiern jedes noch so kleine Erfolgserlebnis mit uns. 

Auch wenn natürlich die Verantwortung voll und ganz bei mir liegt, habe ich manchmal gar nicht das Gefühl alleinerziehend zu sein. Wir alle übernehmen Verantwortung füreinander und für unsere Kinder. Es ist selbstverständlich, dass die Kinder dabei sind, und wir aufeinander aufpassen. 

Ausblick in die Zukunft

Mittlerweile haben Theo und sein Papa ein sehr gute Beziehung miteinander und verbringen auch regelmäßig Zeit zusammen. Dadurch habe ich endlich auch mal ein bisschen Zeit für mich, auch wenn ich diese noch oft zum Arbeiten nutze, aber vor allem freue ich mich für Theo, dass er endlich einen Papa hat.

Goa ist unser zu Hause und wir möchten definitiv weiter dort bleiben. Im Juni sollte Theo die Schule (Schule geht dort mit Kindergarten los) beginnen. Dies wurde allerdings wegen der Corona Pandemie erst einmal verschoben. Außerdem mussten wir im Juli, wegen unserer Visas nach Deutschland kommen und sind jetzt auf unbestimmte Zeit erst einmal hier. Aber eins steht fest: Sobald es möglich ist, werden wir nach Goa zurückkehren und bis dahin genießen wir die Zeit in Deutschland.

Weitere Artikel von uns:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.