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Gender Disappointment – wenn Dein Baby das “falsche” Geschlecht hat


Heute möchte ich mich einem heiklen Thema widmen, das im realen Leben oft totgeschwiegen wird. Die Tatsache, dass in diversen Mamiforen unter dem Schutz der Anonymität des Internets zunehmend häufig darüber diskutiert wird, legt aber die Vermutung nah, dass es – gerade unter Müttern – durchaus ein Thema ist. Es geht um die Enttäuschung über das Babygeschlecht, neudeutsch Gender Disappointment genannt.

Was genau bedeutet Gender Disappointment? Welche langfristigen Probleme können im schlimmsten Fall die Folge sein? Und wo bekommst Du als Betroffene Hilfe?

Was ist “Gender Disappointment”?

Wörtlich übersetzt heißt es nichts anderes als “Geschlechtsenttäuschung”. Gemeint ist die Enttäuschung der Eltern oder eines Elternteils bei Verkündigung des Babygeschlechts.

Nun muss möchte ich in diesem Beitrag ganz klar zwischen einem kleinen Stich der Enttäuschung und Gender Disappointment unterscheiden.

Fast jedes Elternpaar hat ein Wunschgeschlecht

Ich denke, nahezu jedes Elternpaar hat ein bestimmtes Wunschgeschlecht. Manchmal auch nicht unbedingt das gleiche ;-)

Oder Du als werdende Mutter hast vielleicht schon recht lange ein bestimmtes Gefühl, was das Geschlecht Eures zukünftigen Familienmitglieds angeht. Und natürlich kann es im dem Moment, wo der Frauenarzt Dir beim Ultraschall zum anderen Geschlecht gratuliert, erst einmal ein kleiner Dämpfer sein, einfach, weil Du mit etwas anderem gerechnet hast.

Diese kurze Enttäuschung ist mit der Bezeichnung Gender Disapointment meiner Definition nach nicht gemeint.

Wenn die Enttäuschung über das Baby-Geschlecht alles überschattet

Vielmehr geht es bei Gender Disappointment darum, dass das Wissen um das Babygeschlecht Dich oder auch Deinen Partner in eine derart große Krise stürzt, dass die Freude über die Schwangerschaft und auf das Kind komplett ausgeknipst wird.

Plötzlich ist da NUR NOCH Enttäuschung und nichts anderes mehr.

Welchge Folgen kann Gender Disappointment haben?

Die Folgen dieser tiefen Enttäuschung können sehr gravierend sein. Und machen einmal mehr deutlich, dass es sich nicht um eine Spinnerei oder ein Phänomen handelt, dass man einfach aussitzen oder ignorieren kann.

In Fachzeitschriften wie dem Ärzteblatt oder auch der Hebammenzeitung habe ich zwar nicht viel über dieses Thema gefunden. Ich habe in meiner Arbeit als Hebamme aber bereits mit dieser Problematik zu tun gehabt und kann aus dem eigenen Erfahrungsschatz berichten.

Abtreibungen wegen Gender Disappointment sollen per Gesetz vermieden werden

Zunächst einmal muss man natürlich unterschiedliche Ausprägungen und Abstufungen von Gender Disappointment erwähnen. Aber- und das zeigt in meinen Augen recht deutlich, wie groß die Verzweiflung der Mütter oder Paare sein kann. Ich wurde tatsächlich einmal hinter vorgehaltener Hand gefragt, was es für Möglichkeiten gäbe, die Schwangerschaft abzubrechen.

Im Übrigen ist das auch der Grund, warum in Deutschland der Frauenarzt das Geschlecht des Babys vor Abschluss der 14. Schwangerschaftswoche (12 Wochen nach Empfängnis) nicht mitteilen darf. So schreibt es das Gendiagnostik-Gesetz vor. Der Grund dafür ist so einfach wie traurig. Man befürchtet Abtreibungen aufgrund des “falschen” Babygeschlechts, die bis zur 12. Schwangerschaftswoche problemlos möglich wären.

Heutzutage gibt es nicht-invasive Bluttests auf Chromosomenanaomalien, wie den Praena– oder Harmony-Test, mit deren Hilfe das Baby-Geschlecht schon in der 11. oder 12. Schwangerschaftswoche festgestellt werden kann. Verraten darf es Dein Arzt aber zu diesem Zeitpunkt auch in diesem Fall noch nicht.

Langer bzw. verzögerter Geburtsverlauf wegen Enttäuschung über Baby-Geschlecht

Dieses Phänomen habe ich in der Klinik tatsächlich des Öfteren erlebt. In einem bestimmten Fall war es so, dass das Paar bereits vier Kinder eines Geschlechts hatte und auch das fünfte Kind eben dieses Geschlecht hatte. Die Frau wollte keine weiteren Kinder, der Mann so lange weitermachen, bis das andere Geschlecht “herauskommt”. Es war eine sehr lange, zögerliche und schmerzhafte Geburt, weil die Frau das Kind nicht loslassen konnte.

Es ist inzwischen ja hinreichend bekannt, dass die Psyche unter der Geburt eine sehr wichtige Rolle spielt. Und wenn die sich sperren, zieht der Körper nach- auch unbewußt.

Stillschwierigkeiten wegen “falschem” Geschlecht des Babys

Ein relativ häufiges Problem, wenn Du Dein eigenes Kind unbewußt ablehnst, sind Probleme beim Anlegen oder auch in der Milchbildung. Häufig sind diese psychisch oder hormonell bedingt.

Gestörte Bindung durch Gender Disappointment

Ganz klar, wenn die Enttäuschung so groß war, dass Du Dir einen Abbruch der Schwangerschaft gewünscht hast, geht das nicht einfach so weg. Und Du wirst vielleicht merken, dass es Dir schwer fällt, Dein Kind anzunehmen.

Gender Disappointment kann Wochenbettdepression verursachen

Bei Frauen, die wirklich in der Schwangerschaft den Wunsch verspüren, Ihr Kind würde am Besten gar nicht erst geboren werden, ist die Gefahr einer Wochenbettdepression oder gar Wochenbettspsychose deutlich erhöht. Denn natürlich bleibt man immer ein Mensch und Mütter sind bekannt dafür, sich eh immer schuldig zu fühlen.

Das (Nicht-) Gefühl dem eigenen Kind gegenüber stürzt viele Frauen in eine Krise, aus der sie im schlimmsten Fall auch nicht alleine heraus kommen. Denn die meisten Mamas wünschen sich ja durchaus, dass es anders wäre, aber sie können an ihrem Gefühl eben nichts ändern.

Lies hier, woran Du eine Wochenbettdepression erkennst.

Was Dir bei Gender Disappointment helfen kann

Du merkst, dass die Enttäuschung über das Geschlecht nicht von der Freude auf das Baby überlagert wird? Sondern scheinbar alle positiven Gefühle dem Kind gegenüber unter sich begräbt? Dann ist es wichtig, dass Du Dir das selber eingestehst.

Damit ist bereis ein großer Schritt in die richtige Richtung getan.

Denn diese Einsicht ermöglicht Dir als Mama oder Euch als Paar, weitere Schritte zu gehen.

Vertraue Dich einer Bezugsperson an

An allererster Stelle solltest Du natürlich Deinen Partner ins Boot holen. Wichtig ist dabei aber, dass Du Deine Gefühle konkret benennst.

Also nicht: “Ich hätte schon lieber ein Mädchen gehabt”, wenn Du eigentlich meinst: “Ich habe Angst, dass ich diesen Jungen, den wir bekommen nicht lieben kann, weil er ein Junge ist”. Sonst kann es nämlich natürlich sein, dass Dein Partner den Leidensdruck, den Du verspürst nicht in voller Konsequenz nachvollziehen – und dann eben auch nicht angemessen reagieren kann. Deshalb ist es wichtig, es auszusprechen, auch wenn das schwer und schmerzhaft ist.

Hol Dir professionelle Hilfe bei Gender Disappointment

Wie bereits zu Anfang erwähnt – Gender Disappointment ist keine Randerscheinung – es spricht nur einfach kaum jemand darüber.

Aber es GIBT Hilfe und Du stehst mit Deinen Ängsten und Sorgen nicht alleine da.

Wenn Du ein Verttrauensverhältnis zu Deinem Frauenarzt oder Deiner Hebamme hast, können die Deine ersten Ansprechpartner sein. Wenn Ihr dann gemeinsam feststellt, dass der innere Konflikt größer ist und Du mehr Unterstützung brauchst, können sie Dir weitere Ansprechpartner vermitteln.

Das kann in einem Fall eine ganz klassische Therapeutin sein, eventuell aber auch eine Hebamme, die sich auf Ängste und Probleme rund um Schwangerschaft und Geburt spezialisiert hat und auch Konfliktberatung anbietet (EEH Emotionelle Erste Hilfe).

Gender Disappointment: Zerfleische Dich nicht selber

Die Tatsache, dass Du Dir Hilfe holst zeigt doch gerade, DASS Du eine verantwortungsvolle und gute Mama bist. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen und den Kopf in den Sand zu stecken. Du kannst und wirst Dich in Dein Kind verlieben, nur eben mit ein wenig Unterstützung und ein bisschen mehr Anlauf und Hilfestellung. Also versteck Dich nicht, denn Du bist nicht allein!

Hast Du Erfahrungen mit Enttäuschung über das Baby Geschlecht gemacht – und war Dir Gender Disappointment ein Begriff? Wir sind gespannt auf Deinen Kommentar!

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