Geschwisterliebe

Wie Geschwisterliebe wächst


Als der Bub zur Welt kam, war unsere Große 3,5 Jahre. Bei der ersten Begegnung mit ihrem Geschwisterchen warf sie sich weinend in meine Arme. Sie war sichtlich irritiert und brauchte ein paar Minuten, um sich zu beruhigen.

In der Schwangerschaft auf das Baby einstimmen

Obwohl ich versucht hatte sie in der Schwangerschaft so gut wie möglich auf ihr Brüderchen vorzubereiten, war seine Ankunft ein Schock für sie. Geschwisterbücher lesen, den Bauch in den Vorsorgeuntersuchungen abhören und mit dem Bub durch die Bauchdecke sprechen, fand sie zwar ziemlich lustig, aber all das waren nur Spiele, bei denen sie weiterhin meine Nummer eins war und meine ungeteilte Aufmerksamkeit erhielt. Das änderte sich am Tage der Geburt natürlich schlagartig.

Es ist so schwer Mama plötzlich zu teilen

Die Veränderung mit dem neuen Baby war so abrupt und einschneidend, dass ich sie unmöglich darauf vorbereiten konnte. Früh am Morgen begannen meine Wehen, so dass ich das Mädchen nach dem Frühstück zu Omi gab. Erst am Abend sahen wir uns wieder und da waren wir plötzlich zu viert. Nichts war mehr wie es vorher war.

Bei ihrer ersten Begegnung betrachtete sie den Kleinen neugierig, aber mit misstrauischem Blick. Er trank an meiner Brust und in ihren Augen konnte ich tiefen Schmerz erkennen. Ich nahm sie sofort fest in meine Arme und bot ihr an, auch an meiner Brust zu trinken. Vielleicht verlieh das ihr ein gutes Gefühl – das Wissen, dass sie mich nicht voll und ganz hergeben muss – jedenfalls spürte ich, wie die Anspannung von ihr wich.

Aneinander gewöhnen

Die darauffolgenden Wochen waren ein ständiges Auf und Ab. An manchen Tagen war das Mädchen sehr zärtlich zu ihrem Bruder und sie sagte mir wie lieb sie ihn hat. An anderen erklärte sie, dass sie ihn nicht mehr will und ich ihn weggeben soll.

Ich konnte ihre schwankenden Gefühle sehr gut nachvollziehen, schließlich war sie es 3,5 Jahre lang gewöhnt ihre Eltern für sich zu haben. Nun musste sie sich oft in Geduld üben und zurückstecken, weil der Kleine sich am besten an der Brust oder im Tragetuch beruhigte. Da half es auch wenig, ihr zu erklären, dass wir sie damals als Baby genau so intensiv umsorgt hatten. Sie konnte sich ja nicht bewusst daran erinnern, sie merkte nur wie knapp die Mama- und Papa-Zeit jetzt bemessen war.

Bei mir sorgte das wiederrum für ein ziemlich mieses Gewissen. Wie gerne hätte ich die Bedürfnisse beider Kinder ausreichend gestillt. Aber egal wie sehr ich mich bemühte, es war einfach unmöglich 100%ig für das Mädchen da zu sein, wenn der Kleine vor Hunger und/ oder Müdigkeit quengelte. Und das tat er leider sehr oft.

Es ist wie es ist

Nach zahlreichen Gesprächen mit meiner Hebamme, befreundeten Mehrfach-Mamis und meiner Familie beruhigte sich mein schlechtes Gewissen allmählich. Ich gab, was ich an Liebe und Zuneigung geben konnte und lernte, dass das „Teilen lernen“ nicht nur ein negativer Prozess ist. Ganz im Gegenteil. Außerdem war das Mädchen ja bereits so groß, dass sie eigentlich viel lieber mit ihren Freundinnen als mit mir spielte und entsprechend gestaltete ich unsere gemeinsamen Nachmittage.

Es braucht ein Dorf

Die ersten 3 Wochen verbrachte ich brav im Bett und ich schonte mich, während das Mädchen nach dem Kindergarten zu Freunden und Familie ging. Als ich mich wieder fit genug fühlte, gesellte ich mich mit dem Bub dazu. Das Mädchen freute sich, mich wieder dabei zu haben, auch wenn ich hauptsächlich nur im Hintergrund saß und den Kleinen betüttelte.

Ich war und bin sehr dankbar für das soziale Netz, in dem ich mich befinde, weil ich es in den ersten Wochen kaum geschafft hätte, beide Kinder alleine zu versorgen. Auch heute treffe ich mich fast täglich mit meinen Freundinnen und genieße es, dass das Mädchen mit ihren Kumpels spielt – meine Mädels mir den Kleinen mal abnehmen können, wenn meine Arme schwer sind – und wir so alle zusammen sind, ohne dass sich einer überfordert oder ausgegrenzt fühlt.

Eifersucht gehört dazu

Der Bub beanspruchte sehr viel von meiner Zeit und lag oft in meinen Armen. Das Mädchen reagierte darauf mit konkreten Ansagen wie „Ich will nicht, dass Du den Kleinen hoch nimmst!“ oder sie begann „Unfug“ zu machen. Sie machte dann gezielt Dinge, von denen sie genau wusste, dass ich sie nicht mag, wie den Tisch anmalen oder sie maulte mich an.

Damit konnte ich umgehen, auch wenn es mich manchmal nervte, weil ich sie nur zu gut verstand. Ich versuchte regelmäßig für „Mama-Tochter-Exklusiv-Zeiten“ zu sorgen, in denen wir ungestört ein Buch lasen oder zu zweit auf den Spielplatz gingen, während der Kleine bei Papa schlief. Das waren zwar verhältnismäßig kurze Einheiten, sie halfen aber gut über ihre miese Stimmung hinweg.

Gutes Gefühl vermitteln

Ihre Eifersucht richtete sich interessanterweise nie gegen den Kleinen, so dass ich die beiden immer alleine in einem Raum lassen konnte. Ich fragte sie regelmäßig, ob sie auf den Bub aufpassen könne, während ich auf Toilette ging oder die Wäsche aufhängte. Das klappte und klappt hervorragend – sie ruft mich sofort, wenn er sich beschwert. Das gibt ihr ein gutes Gefühl – das Gefühl wichtig zu sein und Verantwortung tragen zu können.

Wenn Unfälle passieren (einmal fuhr sie aus Versehen mit dem Bobby Car über seinen Fuß, so dass er laut weinte), schimpfe ich nicht mit ihr. Ich weiß, dass sie ihm nicht weh tun möchte – in diesen Situationen weint sie selbst ganz schrecklich. Ihr erkläre ihr nur, dass sie mir sagen soll, was passiert ist, damit ich weiß wie ich dem Knirps helfen kann. Und ich erzähle ihr von den Situationen, in denen ich ihr schon mal versehentlich weh getan habe, beispielsweise als ich ihren Kopf gegen einen Türrahmen stieß :(

Wie das Band wächst

Ursprünglich hatte ich mir vorgestellt, dass sie mir hilft, den Kleinen zu wickeln und zu waschen, dass sie ihn so umsorgt wie sie es in der Schwangerschaft mit ihrem Püppchen machte. Doch das wollte sie nie – sie spielte nicht mal mehr mit der Puppe, als er da war – und ich zwang sie nicht. Oft ignoriert sie den Bub, es sei denn andere Kinder bekunden Interesse. Dann ist sie sofort zur Stelle und ruft laut „Das ist MEIN Bruder.“

Der Kleine jedoch liebt seine Schwester scheinbar mit jeder Faser seines Körpers, denn er strahlt sie mit einem breiten Grinsen an, sobald sie den Raum betritt. Er fiept, wenn sie geht und er nicht hinterher kommt. Er bringt sie mit seinem Lachen zum Kichern, wenn sie schlecht gelaunt ist. Er schleicht sich so Schritt für Schritt in ihr Herz.

Sie wollte nämlich keinen Bruder, das sagte sie jedenfalls immer wieder, aber weil der Kleine stets so zuckersüß zu ihr ist, ändert sie allmählich ihre Meinung.Immer öfter läuft sie zuerst zu ihm, wenn sie aus dem Kindergarten kommt. Sie hebt ihn gerne hoch und trägt ihn, bevor sie sich auf ihn wirft und ihn drückt. Er bekommt ein Küsschen zur Begrüßung und zum Abschied und in unbeobachteten Momenten flüstert sie ihm zu, wie lieb sie ihn hat. Momente, die mein Mama-Herz höher hüpfen lassen :)

 

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