ferbern baby schlaftraining kritik, alternativen zu ferbern, ferbern schädlich, baby schreien lassen

Ferbern: Warum das Baby-Schlaftraining die falsche Lösung ist


Ist der Nachwuchs erst einmal da, können die Nächte eine wahre Belastungsprobe sein. Nicht nur tagsüber braucht das neue Familienmitglied jetzt Mamas und Papas ganze Fürsorge. Auch nachts bleibt oft nicht die Zeit zur Erholung, die die Eltern bräuchten. Kaum ein Thema beschäftigt Eltern mehr als der Schlaf ihres Babys. Manchmal ist die Erschöpfung so groß, dass sie beschließen sich Hilfe zu suchen. Egal ob in der Krabbelgruppe oder beim Kinderarzt: Fragen Eltern nach Tipps zum Einschlafen, steht immer noch schnell der Begriff Ferbern im Raum.

Woher kommt das Ferbern eigentlich?

Das Ferbern ist ein Schlaftraining für Babys, das auf den amerikanischen Kinderarzt Prof. Dr. Richard Ferber zurückgeht. Anhand seiner Methode sollen Babys durch kontrolliertes Schreienlassen lernen sich selbst zu beruhigen. Dabei werden die Zeitabstände alleine im Bett zunehmend verlängert. Ferbers 1985 erschienenes Buch „Solve Your Child´s Sleep Problems“ wurde weltweit bekannt.

Ursprünglich war die Ferber-Methode als Notfallprogramm für Eltern von Schreibabys gedacht. Sie sollte das Schütteln oder Schlagen von Babys aus völliger Überforderung verhindern. Im Gegensatz zur damals üblichen „Cry-it-out“-Methode, dem Schreienlassen von Babys ohne jegliche Beruhigung, galt es als sanft. Auch der deutsche Bestseller „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast Zahn basiert auf der Ferber-Methode.

Die Ziele der Ferber-Methode

  • Schnelleres Einschlafen
  • Durchschlafen des Babys in der Nacht
  • Das Baby findet selbst wieder in den Schlaf, wenn es nachts wach wird.
  • Auch tagsüber beim Mittagsschlaf schläft das Baby schnell, problemlos und allein.

Wie funktioniert das Ferbern als Baby-Schlaftraining?

Die Ferber-Methode zielt darauf ab, dass Babys lernen sich selbst zu beruhigen. Nach erfolgreichem „Ferbern“ sollen sie sogar alleine wieder in den Schlaf finden, wenn sie nachts aufwachen. Ganz ohne Mamas und Papas Hilfe? Für einige erschöpfte Eltern kann das verlockend klingen!

Doch wie genau läuft das Schlaftraining für das Baby ab? Dafür hat Richard Ferber ein festgelegtes Schema vorgesehen. Jeden Abend zur selben Zeit, immer der gleiche Ablauf. Nach einem zunächst liebevollen Einschlafritual wie Vorlesen, Singen oder Kuscheln, wird das Kind noch wach ins Bett gelegt. Die Eltern verlassen den Raum. Jetzt beginnt der eigentliche Part des Schlaftrainings: Drei Minuten lang bleibt die Tür geschlossen. Leises Weinen, Rufe, bitterliches Schreien des Babys – all das bleibt ignoriert. Erst nach Ablauf der Zeit dürfen die Eltern ihr Baby für ganze zwei Minuten (!) beruhigen. Streicheln und zureden? Ist erlaubt! Aus dem Bett auf den Arm nehmen? Soll vermieden werden!

Egal, ob das Kind nach Ablauf der Zeit noch weint – jetzt werden die Abstände alleine im Zimmer schrittweise verlängert. Laut Ferber lerne das Kind so, dass die Eltern immer in der Nähe seien. Das Ganze wird so lange wiederholt, bis das Kind irgendwann eingeschlafen ist. Die Minutenabstände zwischen den „Check-Ups“ bleiben.

Warum sind Baby-Schlaftrainings so populär? Ferbern funktioniert!

„Mein Baby hat erst durch das Schlaftraining richtig schlafen gelernt. Dadurch sind unsere Nächte viel entspannter!“ Solche oder ähnliche Aussagen hört man leider immer noch im Austausch mit anderen Eltern. Und es stimmt! Das Ferbern als Schlaftraining funktioniert (scheinbar)! Nicht grundlos gibt es auch heute noch genug Menschen, die Schlaftrainings bei Babys aus genau diesem Grund befürworten. Gerade in den USA wird Ferber für seine Methode deshalb nach wie vor als „Schlafguru“ gefeiert. Laut seinem Ratgeber hat sich das Baby im Normalfall nach 3 bis maximal 14 Tagen an das Alleinschlafen gewöhnt. Der Großteil der Kinder könne auf diese Weise lernen sich selbst zu beruhigen.

Kritik an der Ferber-Methode

Wie bei allem, was schnellen Erfolg verspricht, stellt sich die Frage: Welchen Preis zahlen Eltern und Babys für das Ferbern? Nicht umsonst hat das Ferbern von Babys mindestens genauso viele Kritiker wie Anhänger.

Während viele Kinder anfangs noch verzweifelt schreien, ist meistens schon innerhalb weniger Tage kurz nach dem Abendritual Stille im Kinderzimmer. Ein Erfolgserlebnis? Kann sich das Baby nun selbst beruhigen? Kritiker verneinen deutlich! Was das Kind vor allem gelernt hat ist: Mama und Papa reagieren nicht auf mein Schreien! Das Baby hat noch kein Zeitgefühl. Ist es alleine und niemand kommt, antwortet der kleine Körper auch heute noch mit seinen Steinzeitprogrammen.

Der deutsche Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor Dr. Herbert Renz-Polster bringt es als einer vieler Kritiker der Ferber-Methode auf den Punkt:

„Wir dürfen nicht vergessen, dass […] ein Baby, das nachts alleine gelassen wurde, zu 99% in der menschlichen Geschichte den Morgen nicht erlebt hätte.“

Also lernt das Baby durch die Ferber-Methode nicht sich selbst zu beruhigen. Es lernt, was es zu erwarten hat. Kurz gesagt: Nach Hilfe rufen ist vergeblich. Sein natürlicher Instinkt lässt das Baby seine Kräfte sparen. Die Aufmerksamkeit seiner Fressfeinde zu erwecken und womöglich zu sterben wäre nämlich die Alternative. Wichtig zu wissen ist außerdem: Schreien bedeutet für Babys vor allem eins – Stress und Energieverbrauch. Energie, die sie eigentlich für ihr Wachstum benötigen. Wenn niemand auf ihre Schreie und ihr Flehen nach Körperkontakt und Beruhigung reagiert, schlafen sie irgendwann nach gefühlten Stunden ein. Als Folge von Erschöpfung und Resignation.

Was heißt das also? Babys, die ein Schlaftraining erlebt haben, gehen in der Regel äußerlich ruhig ins Bett. Entspanntes und geborgenes Einschlafen ist aber nicht damit gleichzusetzen.

Körperliche Auswirkungen des Schreienlassens bei Babys

Nachhaltiges, unbegleitetes Schreienlassen von Babys und Kleinkindern führt zu:

  • Erhöhter Herzfrequenz
  • Erhöhter Durchblutung
  • Verringerter Sauerstoffzufuhr
  • Stark erhöhten Cortisol- und Adrenalinwerten, die den Stressanstieg anzeigen (Waynforth 2007; Flinn u.a. 1996).
  • Veränderungen der neuronalen Struktur (Majer u.a. 2010)

Was bewirkt der Cortisolanstieg?

Trotz äußerlich ruhigem Verhalten, sind Babys, die Schreien gelassen werden, überflutet mit Stresshormonen. Das bestätigt die Middlemiss-Studie aus dem Jahr 2012. Während des 5-tägigen Ferberns wurden die Cortisollevel der Kinder jeweils vor dem Schlafengehen und nach dem Einschlafen gemessen. An Tag drei weinten die 25 Studienteilnehmer zwar nicht mehr, ihre Cortisolwerte waren allerdings weiterhin erhöht. Derartige Erfahrungen speichern sich neuronal ab. Durch einen starken Cortisolanstieg schalten sich das Immunsystem, das Lernen und weitere Körperfunktionen gewissermaßen auf Standby. Der Körper braucht im Notzustand schließlich alle Ressourcen! Das kann bereits vorhandene Nervenzellen schädigen oder deren Neubildung verhindern.

Eine hohe Ausschüttung von Cortisol kann außerdem dazu führen, dass der Mensch sein Umfeld eher als bedrohlich wahrnimmt. Seine Bindungsfähigkeit, Risikoeinschätzung, Impulskontrolle und das Risiko psychischer Erkrankungen kann fortan erhöht sein. Stresserfahrungen im Laufe der Kindheit machen tatsächlich 54% des Risikos an einer Depression zu erkranken aus (Teicher u.a. 2016).

Ist Ferbern weniger schädlich als Baby schreien lassen?

In welchem Maß ist nun das Ferbern weniger schädlich als das oben beschriebene Schreienlassen („Cry-it-out“) von Babys? Das lässt sich nicht klar sagen. Da oben beschriebene Studien aber deutlich zeigen, wie negativ erhöhte Cortisollevel sich auf das Gehirn unserer Kinder auswirken, wären weitere Studien als absolut unethisch zu bewerten.

Kurzer Reminder: Der Unterschied sind nur die zweiminütigen „Check-Ups“, die Eltern beim Ferbern „zugestanden“ werden. Allein aus Sicht des gesunden Menschenverstands kann in dieser Zeitspanne nicht so viel Oxytocin von dem Baby ausgeschüttet werden, dass seine Cortisolwerte ausreichend herunterfahren. Sind Mama und Papa nicht in Sichtweite, sind sie weg. Das ist alles, was das Baby hinter verschlossener Tür spürt. Ein Gefühl von Sicherheit, weil die Eltern im Nebenraum sind? Fehlanzeige!

Schreien lassen des Babys und die Eltern-Kind-Beziehung

Um unser eigenes Baby schreien lassen zu können, müssen wir als Eltern unsere natürlichen Instinkte unterdrücken. Statt Empathie zu zeigen, ist „hart“ bleiben gefragt. Das kann uns abstumpfen und schränkt unsere Fähigkeit einfühlsam und bedürfnisorientiert zu reagieren ein. Handeln wir nicht im Einklang mit unseren Gefühlen, kann uns das auch langfristig weniger empfindsam für die Bedürfnisse unserer Kleinen werden lassen.

Schenkt uns das die Erfüllung in unserer Elternrolle? Ist es im Einklang mit unseren Werten? Die Frage steht im Raum. Wie sehr wir als Eltern beim Ferbern gegen unsere Intuition handeln zeigt diese originalen Facebook-Unterhaltung einer ferbernden Mutter. Traurig und erschreckend zugleich!

Baby schreien lassen in Notsituationen?

Trotz allen Erkenntnissen darf nicht vergessen werden: Die Erschöpfung vieler Eltern ist real. Insbesondere Eltern von Schreibabys stehen oft am Rande eines Nervenzusammenbruchs und brauchen dringend Hilfe. Bist Du selber in dieser Situation? Dein Baby findet trotz Müdigkeit nicht in den Schlaf? Dauerhaftes Schreien in Verbindung mit Schlafmangel kann Überforderung, Wut und Aggressionen auslösen.

Der wichtigste Punkt für alle erschöpften Eltern ist also: Bevor Du möglicherweise in die Gefahr gerätst die Nerven zu verlieren und Deinen Liebling zu schütteln oder anzuschreien gilt – geh raus!

Was Dir helfen kann, während Du Dein Baby kurz schreien lässt:

  • Atme bewusst einige Male ein und aus und erde Deine Füße auf dem Boden.
  • Stampfe mit den Füßen oder boxe in ein Kissen.
  • Wasche Dein Gesicht kühl ab.
  • Zähle von 10 herunter bis 0.
  • Rede Dir selbst gut zu. Sprich Dich dabei ruhig direkt an: „Ja, es ist gerade verdammt anstrengend. Du wünscht Dir so sehr eine Pause. Wir schaffen das jetzt gemeinsam. Diese Zeit geht vorbei. Es wird besser.“

Was auch immer Dir hilft die Wut rauszulassen und zu Dir zurückzufinden. Mit klarerem Kopf kannst Du danach wieder reingehen und für Dein Baby da sein. Im Idealfall übergibst Du in der Zeit natürlich an Deine*n Partner*in. In solchen Notsituationen können ein paar Minuten Schreien lassen Deines Babys das kleinere Übel sein.

Alternativen zu Ferbern und ähnlichen Baby-Schlaftrainings

Welche Alternativen zum Ferbern für einen ruhigeren Schlaf gibt es für Eltern aber konkret?

  • Hol Dir Informationen über Babyschlaf und Schlafzyklen ein. Zwei wunderbare Buchempfehlungen dazu: „Schlaf gut, Baby!“ von Herbert Renz-Polster und Nora Imlau und „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster. Das zweite Buch behandelt auch noch weitere Themen wie Essen und Sauberwerden.
  • Suche Dir Unterstützung am Tag! In dem afrikanischen Stichwort „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein Dorf!“ steckt so viel Wahrheit! Können die Großeltern Dich tagsüber ab und zu unterstützen, dass Du Dich erholen kannst? Abwechseln mit dem Papa in der Nacht? Je nach Familienmodell gibt es verschiedene Möglichkeiten. Brainstormen lohnt sich und klares Ausformulieren, dass Du Entlastung brauchst.
  • Alternative Familienbett? Mit Blick auf die menschliche Evolution macht das Familienbett wesentlich mehr Sinn als das Alleinschlafen des Babys. Die Sicherheit und Geborgenheit im Familienbett führt natürlich und schrittweise zu einem stabilen Schlafrhythmus. Selbst Richard Ferber äußerte sich in einem Interview 2011 zu den Vorteilen des Familienbettes für einige Familien.
  • Du möchtest auf Eurem Weg individuell begleitet und unterstützt werden? Es gibt immer mehr Schlafberatungen, die Familien achtsam unterstützen. Aber Achtung: Informiere Dich vorher über das Vorgehen! Oft werden die Begriffe „sanft“, „schrittweise“ und „liebevoll“ zwar aus Werbezwecken genutzt. Letztlich steckt aber nichts anderes als ein Schlaftraining dahinter. Bei Erfolgsversprechen ist generell Vorsicht geboten! Eine gute Schlafberatung bedeutet nicht zwangsläufig eine positive Veränderung des Schlafverhaltens. Babys, Kleinkinder, Schlafsituationen – all das ist hochindividuell. Oft können aber durch Gespräche und Schlafprotokolle sanft Verbesserungen herbeigeführt werden. Auf Instagram kann ich persönlich geborgengebunden bedingungslos empfehlen.
  • Außerdem gibt Euch unsere Autorin und Hebamme Christina hier wertvolle Tipps mit an die Hand, die Euch helfen können Euer Schreibaby zu beruhigen.

Ferbern als Schlaftraining? Mein Fazit

Bei all dem Augenmerk auf Schlafprobleme und die Studienlage zu Schlaftrainings bei Babys finde ich eins wichtig im Blick zu halten: Unsere Kinder lernen das Durchschlafen von ganz alleine. Jedes genau dann, wenn es entwicklungsmäßig bereit ist. Ja, das mag sich Jahre entfernt anfühlen. Mit einem Jahr durchschlafende Babys sind aber schlichtweg nicht die Regel. Unsere Erwartungen an Babyschlaf in der westlichen Welt sind weitaus höher als in Naturvölkern. Babys werden genauso wie wir Erwachsene nachts wach, um sich rückzuversichern. Damit umgehen zu können erfordert individuelle Lösungen für jede einzelne Familie. Die kann kein starres Schlaftraining bieten!

Diese schöne Frage von Herbert Renz-Polster kann auf dem Weg ein wunderbarer Kompass sein:

„Richten wir uns mit unseren Entscheidungen, wie wir unser Baby ins Bett bringen, wirklich nach solchen Studien? Ich denke doch eher, dass hier unser Menschenbild, und damit unsere Art wie wir Beziehungen sehen, empfinden und gestalten wollen, eine Rolle spielen.“

War mein Artikel hilfreich für Dich? Wie stehst Du zu Schlaftrainings wie dem Ferbern bei Babys?

Quellen:

Majer, M., Nater, U. M., Lin, J. M. S., Capuron, L., & Reeves, W. C. (2010). Association of childhood trauma with cognitive function in healthy adults: a pilot study. BMC neurology, 10(1), 61.

Middlemiss, W. u.a. (2012). Asynchrony of mother–infant hypothalamic–pituitary–adrenal axis activity following
extinction of infant crying responses induced during the transition to sleep.

Teicher, M. H., Samson, J.A., Anderson, C.M., & Ohashi, K. (2016). The effects of childhood maltreatment on brain structure, function and connectivity.

Waynforth, D. (2007). The influence of parent–infant cosleeping, nursing, and childcare on cortisol and SIgA immunity in a sample of british children.

In diesem Beitrag verwenden wir Affiliate-Links. Wenn Du auf so einen Link klickst und auf der Zielseite etwas einkaufst, bekommen wir von dem betreffenden Online-Shop oder Anbieter eine Provision. Für Dich verändert sich der Preis nicht.

Weitere Artikel von uns:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.